Spektrum Iran
Autor = Roland Pietsch

Rudolf Otto und seine Stellung zum Islam

Volumen 38, Ausgabe 1, Juli 2025, Seiten 249-271

https://doi.org/10.22034/spektrum.2025.529618.1036

roland pietsch

Abstrakt Nach einem Überblick über Rudolf Ottos Leben und Werk wird seine Phänomenologie des Heiligen kurz skizziert. Anschließend wird seine Stellung zum Islam anhand seiner Reiseberichte und später seiner Schriften dargelegt. Das Heilige ist für Rudolf Otto das Innerste jeder wahren Religion. Um das Heilige von seiner sprachlichen Nebenbedeutung als sittliche Vollkommenheit zu unterscheiden, verwendet Otto den Begriff des Numinosen als eine numinose Deutungs- und Bewertungs-kategorie. Rudolf Otto sieht das Innerste der Religionen im Einklang mit ihren äußeren Formen, etwa der mystischen Leere mit der architektonischen Leere von Moscheen.

Die Wissenschaft der Metaphysik bei Abū Naşr Al-Fārābī

Volumen 37, Ausgabe 2, Dezember 2024, Seiten 203-218

https://doi.org/10.22034/spektrum.2024.487040.1007

Roland pietsch

Abstrakt Der Aufsatz beschäftigt sich mit dem Metaphysikbegriff Al-Fārābīs. Nach einem Überblick über das Leben und die wichtigsten Werke Al-Fārābīs wird die Herkunft des Namens und die verschiedenen Bezeichnungen (Göttliche Wissenschaft, Erste Philosophie, Weisheit, Theologie) sowie das Wesen von Metaphysik dargestellt. Anschließend wird Al-Fārābīs Werk „Über die Ziele des Philosophen (d. h. des Aristoteles) in jeder Abhandlung des Buches, das mit den Buchstaben bezeichnet wird (d. h. der Metaphysik) (Fī Aġrāᶁ al-Ḥakīm fī kull maqāla  min al-kitāb al-mausūm bi-l-ḥurūf)“ untersucht. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Einzelwissenschaften und der einen universalen Wissenschaft grundlegend. Abschließend wird kurz auf Al-Fārābīs Versuch hingewiesen, das Staatswesen metaphysisch zu begründen. Im Anhang wird Al-Fārābīs „Abhandlung von den Tendenzen der Aristotelischen Metaphysik von dem zweiten Meister“ in der deutschen Übersetzung von Friedrich Dieterici vorgelegt.

Blüten des göttlichen Lebensbaums Friedrich August Gottreu Tholuck und die persische Mystik

Volumen 37, Ausgabe 1, August 2024, Seiten 1-23

https://doi.org/10.22034/spektrum.2024.203746

Roland Pietsch

Abstrakt Der deutsche protestantische Theologe Friedrich August Gottreu Tholuck hat zu Beginn seiner akademischen Laufbahn neben einer Reihe von theolo­gischen Schriften auch zwei grundlegende Werke über den Sufismus oder die islamische Mystik veröffentlicht. Im Jahr 1821: Sufismus sive Theosophia Persarum Pantheistica quam e MSS. Bibliothecae regiae Berolinensis Persicis, Ara­bicis, Turcicis eruit atque illustravit und 1825: Blüthensammlung aus der morgen­ländischen Mystik: nebst einer Einleitung über Mystik überhaupt und Morgenlän­dische insbesondere. In der Einleitung zur Blüthensammlung erklärt Tholuck zuerst, was Mystik im Allgemeinen und dann, was islamische Mystik im Be­sonderen ist und vergleicht dann die islamische Mystik mit dem christlichen Glauben. Dabei stellt er sowohl Übereinstimmungen als auch Unterschiede fest. Ein großer Teil der Blüthensammlung enthält darüber hinaus seine Über­setzungen von persischen mystischen Gedichten. Bevor im Folgenden diese Zusammenhänge genau untersucht und dargestellt werden, wird ein kurzer Überblick über Leben und Werk von Tholuck gegeben.

Das Heldenbuch von Iran Josef Görres und seine Übersetzung von Abū’l Qāsim Firdousīs Šahnāma (Buch der Könige)

Volumen 36, Ausgabe 2, November 2023, Seiten 145-171

https://doi.org/10.22034/spektrum.2023.194646

Roland Pietsch

Abstrakt Nach einer kurzen Einführung in das Leben und Werk von Joseph Görres (1776-1848) wird ein allgemeiner Überblick über seine romantische Forschung zu Mythen gegeben. Danach wird sein Werk zur Übersetzung von Firdowsis Shahnāma detailliert analysiert. Schließlich wird die Struktur seiner Übersetzung in einer Zusammenfassung aller 36 übersetzten Kapitel des Epos vorgestellt. Am Ende wird auf den wichtigen Orientalisten Hans Heinrich Schaeder verwiesen, der anlässlich der Firdowsi-Millennium-Feier im Jahr 1934 in Deutschland die Poesie von Firdowsi lobte.

Über die Unsterblichkeit der menschlichen Seele Antworten des griechischen Philosophen Priskianos Lydos auf Fragen des persischen Großkönigs Chosrou I. Anuschirvan

Volumen 35, Ausgabe 2, November 2022, Seiten 167-183

Roland Pietsch

Abstrakt Zu Beginn dieses Essays werden die biografischen Daten des persischen Königs Chosroes I. und des griechischen Philosophen Priscian von Lydia vorgestellt, gefolgt von einem Bericht über die Schließung der athenischen neoplatonischen Schule durch den byzantinischen Kaiser Justinian im Jahr 529. Diese Schließung war der Anlass, dass sieben neoplatonische Philosophen nach Persien emigrierten, wo sie von Chosroes I. willkommen geheißen wurden. Nach einem kurzen Überblick über die neoplatonische Lehre der Seele werden die Fragen, die der König an Priskianos stellte, sowie die Frage nach der menschlichen Seele und seine Antworten detailliert untersucht. „Priscians Antworten an König Chosroes von Persien (Solutiones)“ sind nur in einer unzureichenden lateinischen Übersetzung erhalten. Trotz dieser Unzulänglichkeit können die grundlegenden Ideen von Priscians Antworten gründlich dargestellt werden: Die Seele ist eine Substanz, die Seele ist unkörperlich und vom Körper getrennt. Schließlich wird die Verbindung zwischen Seele und Körper sowie die Unsterblichkeit der Seele dargestellt. Aus intellektueller Sicht kann die lateinische Übersetzung der Fragen als Fragment einer bedeutenden kulturellen Begegnung zwischen Persien und Griechenland auf der Grundlage der neoplatonischen Philosophie betrachtet werden.

Von Allem und vom Einen Georg Wilhelm Friedrich Hegel über Maulānā Ğalāl ad-Dīn Rūmi

Volumen 35, Ausgabe 1, April 2022, Seiten 69-86

Roland Pietsch

Abstrakt In diesem Artikel wird die Rezeption von Jalāl ad-Din Mohammad Rūmī (1207-1273) durch Georg Friedrich Wilhelm Hegel (1770-1831) vorgestellt und untersucht. In der Einleitung werden die Hauptmerkmale von Hegels Philosophie kurz umrissen, wobei besonderes Augenmerk auf seine Haltung zum Pantheismus gelegt wird. Danach wird Hegels Rezeption von Rūmī in seiner „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“, seinen „Vorlesungen über Ästhetik“ und seinen „Vorlesungen über die Religionsphilosophie“ gezeigt. Schließlich wird Hegels Aussage untersucht, in der er eine große Übereinstimmung mit Rūmī behauptet.

Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen und die islamische Mystik

Volumen 34, Ausgabe 1, Juni 2021, Seiten 111-138

https://doi.org/10.22034/spektrum.2021.190166

roland pietsch

Abstrakt Der Heilige Römische Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen (1194–1250), eine der bedeutendsten Herrscherpersönlichkeiten des Mittelalters, berief Gelehrte aus Europa und der islamischen Welt an seinen sizilianischen Hof, um die Wissenschaft zu fördern. Nach einem kurzen Überblick über das Leben des Kaisers befasst sich der Artikel hauptsächlich mit seiner geistigen Verbindung zur islamischen Welt. Diese Verbindung kulminiert in einer Reihe von Fragen, die der Kaiser auf Arabisch – einer Sprache, die er hervorragend beherrschte – an muslimische Gelehrte richtete. Diese Fragen wurden ausführlich von dem andalusischen Gelehrten und Mystiker ʿAbd al-Ḥaqq ibn Sabʿīn (1216/1217–1270) beantwortet. Seine Antworten, die sogenannten „Sizilianischen Fragen“ (al-masāʾil al-ṣiqilliyya), werden im Beitrag eingehend analysiert. Die wichtigsten Fragen betreffen:
1.die Ewigkeit der Welt,
2.die göttliche Wissenschaft – mystisches Wissen,
3.die aristotelischen Kategorien,
4.die Unsterblichkeit der Seele,
5.die Interpretation des Hadiths: „Das Herz der Gläubigen liegt zwischen zwei Fingern des Barmherzigen.“ Diese Fragen selbst stellen ein einzigartiges Zeugnis für die intellektuellen Beziehungen zwischen dem mittelalterlichen christlichen Europa und der islamischen Welt dar. Nāṣir ad-Dīn al-Furāt schrieb etwa ein Jahrhundert nach dem Tod Friedrichs II. von Hohenstaufen: „Man sagt, der Kaiser sei insgeheim Muslim gewesen, aber Gott weiß es besser um seinen Zustand und seinen Glauben.“

Die Perle aus der Muschel des Weltalls: Wolfram von Eschenbachs Parzival und der Orient

Volumen 33, Ausgabe 1, Juni 2020, Seiten 73-108

roland pietsch

Abstrakt Der Artikel untersucht die tiefgreifenden Verbindungen zwischen Wolfram von Eschenbachs mittelalterlichem Epos Parzival und östlichen Traditionen, insbesondere der persischen und islamischen Mystik. Parzival ist ein Schlüsselwerk der abendländischen Literatur, das den Gral (als Stein, Kelch oder Becher) als Symbol geistiger Königsherrschaft und universalen Friedens einführt. Die Handlung folgt Parzivals Suche nach dem Gral, verknüpft mit Themen wie Rittertum, Erlösung und interreligiösem Dialog. Wolframs Werk zeigt Einflüsse aus altiranischen, gnostischen und islamischen Quellen, die mit christlicher Symbolik verschmelzen. Figuren wie Gahmuret (Parzivals Vater, ein christlicher Ritter im Dienst des Kalifen von Bagdad) und Feirefiz (sein halbheidnischer Bruder) verbinden Orient und Okzident. Der Gral symbolisiert göttliches Wissen, das nur durch spirituelle Erleuchtung erlangt werden kann – ein Motiv, das an sufische und zoroastrische Lehren erinnert. Der Artikel analysiert auch das Lied von der Perle, einen iranisch-gnostischen Text, der Parzivals Weg spiegelt. Letztlich transzendiert Wolframs Epos religiöse Grenzen und verweist auf eine universelle „Urüberlieferung“.

Vladimir Sergeevič Solov’ev und seine Stellung zum Islam

Volumen 33, Ausgabe 1, Juni 2020, Seiten 149-184

roland pietsch

Abstrakt Der Artikel untersucht Vladimir Solov’evs philosophische und theologische Auseinandersetzung mit dem Islam, geprägt durch sein Konzept der „All-Einheit“ (vseedinstvo). In Drei Kräfte (1877) kritisiert Solov’ev den Islam als starres System, das individuelle Freiheit unterdrücke, und kontrastiert ihn mit westlichem Individualismus und slawischer Spiritualität. Später in Mohammed: Sein Leben und seine Lehre (1896) würdigt er den Propheten und den islamischen Monotheismus, bemängelt aber das Fehlen progressiver Ideale. Solov’evs mystische Sophia-Visionen, die seine Idee einer übergreifenden „Religion des Heiligen Geistes“ prägten, werden als Schlüssel zum Verständnis seines inklusiven, aber unvollendeten Universalismus hervorgehoben. Trotz seiner christlich-eschatologischen Schwerpunkte deutet sein Schweigen zum Islam in Drei Gespräche über den Antichrist auf eine implizite Anerkennung seiner spirituellen Rolle hin.

Die Weisheit der Erleuchtung - Über die Lichtmetaphysik von Šihāb al-Dīn Yaḥya al-Suhrawardī und ihre weitreichenden Zusammenhänge

Volumen 32, Ausgabe 2, September 2019, Seiten 21-44

roland pietsch

Abstrakt Im Kontext der islamischen Illumination und Metaphysik insgesamt stellt die Lichtmetaphysik des iranischen Mystikers und Philosophen Šihāb ad-dīn Yaḥyā Suhrawardī (1154–1209) zweifellos einen bedeutenden Höhepunkt dar. Nach einem kurzen Überblick über Suhrawardīs Leben und Werke skizziert dieser Beitrag die zentralen Elemente seiner mystisch-metaphysischen Illuminationstheorie. Zunächst wird deutlich gemacht, dass der Ausgangspunkt und die Grundlage von Suhrawardīs Metaphysik der Koran ist. In einem ersten Schritt erfolgt eine knappe Darstellung der Lichterklassifikation. In einem zweiten Schritt werden die einzelnen Stufen und Ordnungen der Manifestationen und Zeichen des göttlichen Lichts beschrieben. Anschließend werden Suhrawardīs Ansichten über die Lichter sowie die Stufen des mystischen Pfades zum göttlichen Licht erläutert. Dabei werden auch die Haltung der altiranischen Religion und die von Suhrawardī erwähnte platonisch-plotinische Philosophie berücksichtigt.

Mit den Augen des Herzens sehen -Über die Symbolik der mystisch-metaphysischen Schau im Islam

Volumen 32, Ausgabe 1, Marsch 2019, Seiten 1-17

Roland Pietsch

Abstrakt Der erste Teil dieses Beitrags befasst sich mit der allgemeinen Bedeutung der Symbole, die die Wahrheit darstellen und über Denken und Wahrnehmung hinausgehen. Der zweite Teil beschreibt vier Zustände des Herzens gemäß at-Tirmiḏīs Abhandlung Bayān al-farq bayna a-adr wa-l-qalb wa-l-fuʾād wa-l-lubb. Im letzten und zentralen Teil des Beitrags wird Ibn ʿArabīs Lehre von der mystisch-metaphysischen Erkenntnis sowie seine Lehre vom „Auge des Herzens“ auf Grundlage seiner Fuū al-ikam erläutert.

Anblicke der Wirklichkeit Gottes Über den Unterschied zwischen göttlicher Wesenheit und göttlichen Energien oder Eigenschaften bei Gregorios Palamas und Ibn ʽArabī Eine Gegenüberstellung

Volumen 31, Ausgabe 1, Februar 2018, Seiten 67-89

Roland Pietsch

Abstrakt Für den byzantinisch-christlichen Theologen und Mystiker Gregorios Palamas, einen der wichtigsten Vertreter des Hesychasmus, und den islamischen Mystiker und Sufi-Meister Ibn ʿArabī, bezieht sich die Erkenntnis der göttlichen Wirklichkeit allein auf die göttlichen Energien bzw. Eigenschaften – nicht aber auf das unzugängliche und verborgene Wesen Gottes, das alles Sein und damit auch jegliche Erkenntnis in unaussprechlicher Weise übersteigt. Die göttliche Essenz und die göttlichen Energien oder Eigenschaften sind jedoch nicht voneinander getrennt, sondern innerhalb der göttlichen Wirklichkeit lediglich unterschieden; trotz dieser Differenz bilden sie eine unauflösliche Einheit. Diese Lehren von der göttlichen Unterscheidung bilden die Grundlage der mystischen Gotteserkenntnis sowohl bei Gregorios Palamas als auch bei Ibn ʿArabī. In diesem Beitrag werden die Grundsätze dieser Lehren dargestellt und miteinander verglichen. Die Gegenüberstellung soll vor allem der wechselseitigen Erhellung dienen. Dabei ist zu beachten, dass beide Mystiker unterschiedlichen Religionen und somit verschiedenen Offenbarungszusammenhängen angehören, die nicht äußerlich miteinander vergleichbar sind. Vielmehr geht es darum, die innere Struktur der göttlichen Unterscheidung zwischen göttlichem Wesen und göttlichen Energien bzw. Eigenschaften bei Gregorios Palamas und Ibn ʿArabī in ihrer grundlegenden Bedeutung für die Richtigkeit des spirituellen Weges zur Gottesvision aufzuzeigen – mit Blick auf die innere und transzendente Einheit der Religionen.