Künstliche Intelligenz und digitale Hermeneutik: Datenbias, algorithmische Ethik und gesellschaftliche Implikationen
Volumen 38, Ausgabe 2, Juli 2025, Seiten 213-242
https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.562967.1050
Fatemeh Abdollahpour sangchi, Hossein Rahnamaei, Ali Asgariyazdi, Mehran Rezaee
Abstrakt Der vorliegende Beitrag untersucht das komplexe Wechselverhältnis zwischen Datenbias, algorithmischer Ethik und den gesellschaftlichen Konsequenzen digitaler Hermeneutik. Mit der zunehmenden Präsenz künstlicher Intelligenz in interpretativen Praxisfeldern insbesondere in der Auslegung religiöser und philosophischer Texte, geraten die Annahmen von Datenneutralität und algorithmischer Objektivität zunehmend in die Kritik. In einem analytisch-erklärenden Zugriff zeigt die Studie, dass Trainingsdaten keineswegs neutrale Träger von Information darstellen, sondern vielmehr kulturelle Vorverständnisse, Wertsetzungen und implizite Annahmen in sich tragen, die in algorithmischen Prozessen fortgeschrieben und reproduziert werden. Diese Reproduktion kann zu semantischer Verengung, zur Marginalisierung interpretativer Pluralität und in bestimmten Fällen sogar zur Verzeichnung heiliger Texte führen. Aus hermeneutischer Perspektive betont der Beitrag die Notwendigkeit, strikt zwischen menschlichem Vorverständnis und maschineller Datenverarbeitung zu unterscheiden. Es wird argumentiert, dass das Fehlen von Bewusstsein, kritischer Selbstreflexion und gelebter Erfahrung in algorithmischen Systemen die Möglichkeit eines eigentlichen Verstehens grundsätzlich ausschließt. Die gesellschaftlichen Implikationen dieser Begrenzung reichen weit über den Bereich der Textinterpretation hinaus und umfassen Gefährdungen der Privatsphäre, die Verstärkung sozialer Ungleichheiten sowie eine schleichende Erosion kultureller Vielfalt. Abschließend wird die These vertreten, dass digitale Hermeneutik nur dann ein konstruktives Potenzial entfalten kann, wenn die technischen Leistungsfähigkeiten künstlicher Intelligenz in einen Rahmen ethischer Governance, religiöser Reflexionsinstanzen und einer kontinuierlichen Rückbindung an etablierte hermeneutische Traditionen eingebettet werden.
