Spektrum Iran
Autor = Sedighian Bidgoli, Ameneh
Iranian and Persianate History

Postsociale genealogien: Persische medizinische Kulturen als frühe epistemische Formationen

Volumen 39, Ausgabe 1, Januar 2026, Seiten 331-362

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.583069.1065

Masoud Salmani Bidgoli, Ameneh Sedighian Bidgoli

Abstrakt Karin Knorr Cetina entwickelte das Konzept der „postsozialen Beziehungen“, um die zunehmende Bedeutung epistemischer Objekte für die Organisation von Wissen, Expertise und sozialer Interaktion in spätmodernen wissenschaftlichen und technologischen Kontexten zu erklären. Während dieser theoretische Ansatz bislang vor allem auf gegenwärtige Entwicklungen angewandt wurde, bleibt seine historische Reichweite weitgehend unerforscht. Der vorliegende Beitrag untersucht, ob die persische Medizin des mittelalterlichen Islam als historisch spezifische Form objektzentrierter epistemischer Beziehungen verstanden werden kann, die analytisch mit den von der Postsocial-Theorie beschriebenen relationalen Dynamiken vergleichbar ist. Im Fokus stehen die persische Medizin zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert sowie Handschriften, Krankenhäuser, pharmazeutische Substanzen, medizinische Instrumente und pädagogische Praktiken als materielle Bestandteile einer epistemischen Kultur. Methodisch basiert die Studie auf einer historisch-konzeptionellen Analyse im Rahmen der Science and Technology Studies (STS) und nutzt Forschungsergebnisse zur islamischen Medizin und materiellen Wissenskultur. Die Untersuchung zeigt, dass diese materiellen Entitäten als dynamische und offene Zentren epistemischer Auseinandersetzung fungierten und Lernprozesse, klinische Praxis sowie wissenschaftliche Gemeinschaften strukturierten. Dabei weisen sie wesentliche strukturelle Gemeinsamkeiten mit den von Knorr Cetina beschriebenen Eigenschaften epistemischer Objekte auf. Der Beitrag argumentiert jedoch nicht, dass die mittelalterliche persische Medizin eine postssoziale Gesellschaft im strengen historischen Sinne darstellte, sondern dass sie eigenständige Formen objektzentrierter epistemischer Relationen hervorbrachte. Dadurch erweitert die Studie den zeitlichen und geografischen Horizont der Postsocial-Theorie und leistet einen Beitrag zur Globalisierung der STS sowie zur Neubewertung außereuropäischer Wissenskulturen als Quellen theoretischer Weiterentwicklung.