Semantische souveränität in großen Sprachmodellen: Prüfung persianischer und schiitischer Bedeutungen über Sprachgrenzen hinweg
Volumen 39, Ausgabe 1, Januar 2026, Seiten 159-190
https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.587146.1069
Hamed Zarabi, Aysheh Mohammadzadeh
Abstrakt Große Sprachmodelle übersetzen, verdichten und erläutern zunehmend Traditionen, deren historische Träger oder Erben sie nicht sind. Diese Studie entwickelt semantische Souveränität als Rahmen, um zu prüfen, ob multilinguale Modelle persianische und schiitische Bedeutungen bewahren oder in dominante anglophone Interpretationsordnungen verlagern. Ein begrenztes, sprachübergreifendes Mixed-Methods-Audit untersuchte 120 gezielt ausgewählte Einheiten aus Rumi, Hafis, Ferdowsi und der schiitischen Hermeneutik. Vier während der Expertenbewertung verblindete Modellsysteme wurden unter vier Bedingungen getestet: nur Persisch, nur Englisch, kultureller Kontext und Expertenkontext. Jeder Prompt wurde zweimal ausgeführt, wodurch 3.840 Ausgaben entstanden. Ein dreiköpfiges Fachgremium verwendete eine Skala der semantischen Bewahrung von 0 bis 4 sowie eine mehrdimensionale Fehlertaxonomie; die sich gegenseitig ausschließenden Prozentwerte fassen den jeweils adjudizierten dominanten Fehler zusammen. Über 16 Modell-Domänen-Zellen betrug der Mittelwert 2,53 von 4,00 Punkten (SD = 0,38). Rumi wurde häufig zu globaler, psychologisierter Spiritualität verengt, Hafis übermäßig vereindeutigt, Ferdowsi in moderne Führungssprache entpolitisiert und schiitische Begriffe auf allgemeines religiöses Vokabular reduziert. Expertenkontext erzeugte die höchsten deskriptiven Mittelwerte, doch semantische Verschiebung blieb bestehen. Da Produktidentitäten, genaue Zugriffsdaten, vollständige Rohprotokolle und Bewertungen auf Ausgabenebene nicht aufbewahrt wurden, ist die Analyse deskriptiv und begrenzt; sie beansprucht weder statistische Inferenz noch produktspezifische Reproduzierbarkeit. Multilinguale KI sollte daher nicht nur nach sprachlicher Leistung oder kultureller Verzerrung, sondern auch nach hermeneutischer Verantwortlichkeit beurteilt werden: nach der Bewahrung von Metapher, Doktrin, Mehrdeutigkeit, Register, Autorität und zivilisatorischem Gedächtnis. Die Studie bietet damit einen kultursensiblen Audit-Rahmen zur Erkennung subtiler Bedeutungsverluste zwischen Sprachen.
