Über den Einfluss des persischen Philosophen Avicenna (Ibn Sīnā) auf Meister Eckharts Metaphysik
Volumen 39, Ausgabe 1, Januar 2026, Seiten 253-268
https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.542074.1038
Roland Pietsch
Abstrakt Diese Arbeit untersucht den Einfluss des persischen Philosophen Avicenna (Ibn Sīnā) auf die Metaphysik Meister Eckharts, insbesondere auf seine Seinslehre. Seit dem 11. Jahrhundert wurden zahlreiche philosophische Werke islamischer Gelehrter aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt, wodurch die mittelalterliche europäische Philosophie tiefgreifend geprägt wurde. Avicennas Metaphysik (Kitāb al-Šifāʾ) spielte dabei eine zentrale Rolle und wurde im 12. Jahrhundert in Toledo ins Lateinische übertragen. Seine Gedanken wurden später von bedeutenden Denkern wie Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Meister Eckhart intensiv rezipiert. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht Eckharts Verständnis des Seins (esse), das stark von Avicennas Unterscheidung zwischen notwendigem Sein (wāǧib al-wuǧūd) und kontingentem Seienden geprägt ist. Eckharts These „esse est Deus“ (Das Sein ist Gott) zeigt eine konsequente Identifikation des absoluten Seins mit Gott selbst. Diese Position steht in enger Beziehung zu Avicennas Lehre, dass alles Seiende das Sein als Vollkommenheit begehrt und dass das Sein selbst als reine Güte zu verstehen ist. Besondere Bedeutung erhält Eckharts Auslegung des Gottesnamens „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14), die er im Lichte der avicennischen Ontologie interpretiert. Dabei übernimmt und transformiert er zentrale Begriffe wie Sein, Wesenheit und notwendiges Sein, um eine spekulative Theologie zu entwickeln, in der Gott als reines, absolutes und sich selbst begründendes Sein verstanden wird. Abschließend zeigt die Arbeit, dass es sich bei der Rezeption Avicennas durch Eckhart nicht um eine Übernahme islamischer Theologie handelt, sondern um eine philosophische Aneignung metaphysischer Konzepte. Diese Rezeption verdeutlicht den maßgeblichen Einfluss der islamischen Philosophie auf die Entwicklung der mittelalterlichen europäischen Metaphysik.
