Spektrum Iran
Hauptthemen = Religion

Rumis Vorstellungen vom Lebenssinn: Eine Lektüre der Majāles-e Sabʿa als Weisheitspädagogik in der Erwachsenenbildung

Volumen 38, Ausgabe 1, Juli 2025, Seiten 1-29

https://doi.org/10.22034/spektrum.2025.523971.1035

Rasool Akbari

Abstrakt Dieser Artikel untersucht die pädagogische Bedeutung von Rumis Majāles-e Sabʿa (Sieben Predigten) als einen religiösen Rahmen für Sinnstiftung in der Erwachsenenbildung. Die Studie positioniert Religion als ein Sinndeutungssystem und hebt das bislang wenig genutzte pädagogische Potenzial von Weisheitsliteratur hervor, insbesondere im Hinblick auf existenzielle Orientierung bei muslimischen Erwachsenen in diasporischen Kontexten. Unter Anwendung des viergliedrigen Sinnmodells von Baumeister und Vohs – bestehend aus Zweck, Werten, Wirksamkeit und Selbstwert – bietet der Artikel eine hermeneutisch-phänomenologische Analyse von Rumis erster Predigt, um seine Vorstellungen vom Sinn des Lebens zu verstehen. Durch eine Textanalyse von flehentlichen Monologen, moralischen Gleichnissen und theologischen Reflexionen untersucht die Studie, wie Rumi ein theozentrisches Modell existenzieller Transformation konstruiert, das auf Sehnsucht, Reue und göttlicher Barmherzigkeit basiert. Zweck wird als eschatologische und teleologische Ausrichtung auf die Rückkehr zu Gott verstanden; Werte werden durch Reue, Demut und moralische Aufrichtigkeit geprägt; Wirksamkeit wird als spirituelle Handlungsmacht durch Erinnerung und Vertrauen neu definiert; und Selbstwert wird durch Aufrichtigkeit und göttliche Anerkennung geformt, anstatt durch bloß meritokratische oder moralistische Rahmen. Methodisch integriert der Artikel Grounded Theory und hermeneutische Phänomenologie, um eine kontextuelle, vielschichtige Lesart von Rumis homiletischer Rede anzubieten und diese als performativen Ort der Sinnstiftung und nicht als statischen Text zu betrachten. In seinen pädagogischen Implikationen schlägt die Studie vor, Rumis Predigten als eine „Weisheitspädagogik“ zu verstehen, die auf Rumis Denken zurückgreift, um Identitätsbildung, moralische Resilienz und existentielle Alphabetisierung bei muslimischen Erwachsenen zu fördern. Es wird argumentiert, dass Rumis Modell einen kraftvollen Bildungsrahmen für den Umgang mit pluralen, desorientierenden modernen Lebenswelten bietet und zugleich kritische Fragen zur Normativität und Inklusivität solcher Pädagogiken aufwirft.

Analyse des Umfangs der Vormundschaft der Mutter über das Kind in der islamischen Rechtsprechung und im Gesetzesrecht

Volumen 38, Ausgabe 1, Juli 2025, Seiten 127-152

https://doi.org/10.22034/spektrum.2025.517135.1029

Zahra Hosseini, Abbasali Rostamisani, Sara Akhondi

Abstrakt Das Konzept der mütterlichen Vormundschaft über ihr Kind ist ein zentrales Thema der islamischen Rechtsprechung und des islamischen Gesetzesrechts. Dieser Artikel untersucht Umfang und Reichweite der mütterlichen Vormundschaft über ihr Kind in der islamischen Rechtsprechung und im islamischen Gesetzesrecht und verdeutlicht die Rolle der Mutter im rechtlichen und erzieherischen Entscheidungsprozess für das Kind. Die Studie untersucht die juristischen und rechtlichen Grundlagen der mütterlichen Vormundschaft mithilfe einer analytischen und vergleichenden Methode. Die Studie untersucht Koranverse und Erzählungen der unfehlbaren Imame zu den Rechten von Müttern und ihrer Vormundschaft über Kinder. Anschließend werden die verschiedenen Aspekte dieses Themas anhand zeitgenössischer juristischer Quellen analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass in der islamischen Rechtsprechung, insbesondere in der Denkschule der unfehlbaren Imame, die Vormundschaft der Mutter über ihr Kind – insbesondere in den frühen Lebensphasen (von der Geburt bis zur Pubertät) – stark betont wird. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Mutter in vielen Rechtssystemen als Schlüsselfigur bei Entscheidungen über das Wachstum und die Erziehung des Kindes anerkannt wird. Die Ergebnisse dieses Artikels zeigen, dass die Vormundschaft der Mutter mit den Rechten und dem Wohl des Kindes im Einklang steht. Eine ernsthafte Berücksichtigung dieser Vormundschaft ist unerlässlich, um eine ausgewogene und ausgewogene Entwicklung des Kindes zu gewährleisten. Die Betonung der praktischen Anwendung dieser Konzepte in sozialen und pädagogischen Kontexten ist notwendig, um die Kinderrechte zu fördern und die Rolle der Mutter in diesem Zusammenhang hervorzuheben.

Verschiebung religiöser Ausrichtungen: Qāżīzādih Ardibīlī durch seine Schriften

Volumen 38, Ausgabe 1, Juli 2025, Seiten 189-207

https://doi.org/10.22034/spektrum.2025.518019.1031

Taher babaei

Abstrakt Qāżīzādih Ardibilī war ein iranischer Gelehrter, der von osmanischen Truppen gefangen genommen wurde, jedoch dennoch begann, Bücher auf Persisch zu schreiben und zu übersetzen. Er verfasste Ghazavāt-i Sulṭān Salīm auf Persisch und übersetzte Wafayāt al-aʿyān aus dem Arabischen ins Persische. In beiden Werken lässt sich Qāżīzādihs religiöse Ausrichtung durch verschiedene Elemente seiner Schrift erkennen. Basierend auf Bibliotheksrecherchen und einer vergleichenden Analyse der beiden Texte (Ghazavāt-i Sulṭān Salīm und Wafayāt al-aʿyān) zeigt diese Studie, dass Qāżīzādih, ein Anhänger des schiitischen Islams, in diesen beiden Werken unterschiedliche Haltungen gegenüber den Ahl al-Sunna einnahm. In seiner Übersetzung von Wafayāt al-aʿyān verwendete Qāżīzādih einen gemäßigteren Ton gegenüber der konkurrierenden Konfession. Dieser Wandel lässt sich auf die frühere Abfassung von Ghazavāt, die unterschiedliche Zielgruppen der beiden Werke und die unterschiedlichen Anforderungen an das Schreiben originärer Werke versus Übersetzungen zurückführen. Diese Studie untersucht die Transformation in Qāżīzādihs religiöser Ausrichtung, identifiziert Anzeichen einer Anpassung seiner schiitischen Haltung und analysiert die Faktoren, die zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Petrus und Paulus in der muslimischen Tradition

Volumen 38, Ausgabe 1, Juli 2025, Seiten 209-223

https://doi.org/10.22034/spektrum.2025.516395.1028

Vali Abdi, Mohsen Sharfaei

Abstrakt Sobald Muslime Kenntnisse über das Christentum erlangten, begannen sie, über dessen Lehren, Glaubensinhalte und religiöse Rituale zu schreiben und nachzudenken. Darüber hinaus setzten sich Muslime intensiv mit Jesus Christus, seinen Jüngern und Aposteln auseinander. Es scheint, dass muslimische Autoren ihr Wissen über das Christentum zunächst aus dem Koran und mündlichen Überlieferungen bezogen. Ab dem 9. Jahrhundert jedoch erhielten sie Zugang zu authentischen christlichen Quellen, darunter das Neue Testament. In diesen Jahrhunderten beteiligten sich sowohl Christen als auch Muslime an kontroversen und teilweise dialogischen Debatten. Solche direkten Kontakte förderten und vertieften das gegenseitige Verständnis. Die vorliegende Forschung konzentriert sich auf die muslimische Perspektive auf St. Petrus und St. Paulus – ersterer gilt als bevorzugter Jünger Jesu, letzterer als bekehrter Apostel. Wie in den folgenden Seiten gezeigt wird, kombinierten muslimische Autoren koranische und mündliche Sichtweisen mit einigen authentischen christlichen Quellen. Daher erscheint ihr Wissen über diese beiden Apostel mitunter widersprüchlich und inkonsequent. Muslime – insbesondere Schiiten – betrachteten St. Petrus als den wahren und legitimen Nachfolger Jesu. Dennoch verurteilten sie St. Paulus als jemanden, der die wahren Lehren Jesu Christi verfälscht habe.

Die friedlichen Grundlagen der islamischen Sicht auf andere Religionen

Volumen 37, Ausgabe 2, Dezember 2024, Seiten 25-46

https://doi.org/10.22034/spektrum.2025.489296.1008

Ali Akbar Alikhani

Abstrakt Heute werden viele Kriege und Gewalttaten im Namen des Islam und mit islamischen Motiven geführt, teilweise aufgrund der Zurückweisung anderer Religionen. Dieser Artikel zielt darauf ab, die Sichtweise des Islam auf andere Religionen zu verstehen und zu analysieren sowie her­auszufinden, wie diese Perspektive zum Frieden und zur Koexistenz beiträgt. Die zentrale Frage dieses Artikels lautet: Was sind die friedlichen Grundlagen der islamischen Sicht auf an­dere Religionen? In diesem Artikel bezieht sich der Begriff Islam sowohl auf den Koran als auch auf die prophe­tische Tradition, die beide als Hauptquellen und Argumentationsgrundlagen dienen. Es wer­den drei wesentliche friedliche Grundlagen der islamischen Sichtweise auf andere Religionen und deren Anhänger erörtert: die Freiwilligkeit des Glaubens oder bestimmter Überzeugun­gen, die Anerkennung des Rechts des Einzelnen, seinen eigenen Glauben auszuüben, sowie die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Realität als theoretischer Rahmen zur Interpretation bestimmter Koranverse. Diese Forschung verwendet zwei Methoden: qualitative Inhaltsanalyse und grundlagentheo­retische Forschung. Die Ergebnisse zeigen, dass die Perspektiven des Korans und der prophe­tischen Tradition auf andere Religionen aufklärend und realistisch sind. Sie bieten keine Recht­fertigung für Gewalt, sondern eine solide Grundlage für Frieden und Koexistenz. 

Der Zoroastrismus als prononcierter Monotheismus

Volumen 37, Ausgabe 2, Dezember 2024, Seiten 177-201

https://doi.org/10.22034/spektrum.2025.501270.1019

Detlef Thiel

Abstrakt Im ersten Teil dieses zweiteiligen Aufsatzes wurde Zarathustras Sonderstellung als erster Religionsstifter in den Fokus genommen. In diesem Aufsatz wird gezeigt, dass durch das Wirken von Zarathustra der Polytheismus abgelöst wurde zugunsten eines radikalen Monotheismus. Aus einer Ritualreligion wurde durch das Wirken von Zarathustra eine Buchreligion auf der Basis des Avesta. Im Zentrum dieser steht Ahuramazda, mit dem der Prophet und Religionsstifter durch Offenbarungen ein fast freundschaftliches Verhältnis pflegt. Darüber hinaus entwickelt Zarathustra eine neue Eschatologie mit der klaren Trennung von positiv besetztem Jenseits auf der einen und einer Höllenvorstellung auf der anderen Seite. Das menschliche Handeln im Diesseits ist die Grundlage dafür, wie über sein postmortales Schicksal im Jenseitsgericht befunden wird. Darüber hinaus werden im Aufsatz die Bedingungen in den Blick genommen, die einen solchen prononcierten Monotheismus erst ermöglichen sowie die Schattenseiten, die ein Monotheismus mit sich bringt. Zarathustra wird schließlich als der definiert, der – neben Echnaton im Alten Ägypten – erstmalig und völlig ohne fremden Einfluss diese monotheistische Spielart kreierte, die dann über das Judentum und Christentum sogar Eingang in den Islam fand.

Die Stellung des Propheten Zarathustra innerhalb der Religionsstifter Eine Neubewertung von Zarathustra aus religionswissenschaftlicher Sicht

Volumen 37, Ausgabe 1, August 2024, Seiten 24-49

https://doi.org/10.22034/spektrum.2024.203853

Thiel Detlef

Abstrakt Die Reihe der Religionsstifter beginnt mit Zarathustra, dem Begründer des antiken Zoroastrismus, der bis in die heutige Gegenwart noch gläubige An-hänger kennt, z.B. die Parsen. Der Aufsatz unternimmt den Versuch, Za-rathustra gleichberechtigt in die Reihe der Religionsstifter zu stellen, einige Gemeinsamkeiten mit anderen Religionsstiftern aufzuzeigen, aber auch seine Besonderheiten herauszuarbeiten. Um seine Person und sein Wirken ranken sich viele Legenden. In diesem Artikel soll der wahre Kern seiner Botschaft jenseits aller Mythen herausgearbeitet werden. Zarathustra gilt als der Be-gründer des Monotheismus, der das Judentum beeinflusste und im Christen-tum und Islam modifiziert weiterwirkte. Der Aufsatz ist zugleich eine me-thodische Prüfung, inwieweit Zarathustra als Prophet mit anderen Religions-stiftern verglichen und inwieweit der Zoroastrismus auf dieser Basis zu den Weltreligionen gerechnet werden kann.

Untersuchung der religiösen Kultur des iranischen Volkes in der Safawiden-Ära aus der Sicht der deutschen Reiseschriftsteller Adam Olearius und Engelbert Kaempfer

Volumen 37, Ausgabe 1, August 2024, Seiten 69-102

https://doi.org/10.22034/spektrum.2024.201112

Younes Nourbakhsh, Mohammad Borzoo

Abstrakt Zusammenfassend ergibt sich aus den verschiedenen Kapiteln und Be­richten eine umfassende Darstellung der Safawiden-Ära im Iran und ihrer Auswirkungen auf die religiöse Kultur, die Gesellschaft und das tägliche Le­ben. Die Einführung der Safawiden-Regierung im 16. Jahrhundert legte den Grundstein für eine neue Ära im Iran, die von politischer Stabilität und reli­giöser Toleranz geprägt war. Die europäischen Reisenden Olearius und Kaempfer spielten eine wichtige Rolle bei der Übermittlung des Bildes des Irans in Europa, was zu einem breiteren Verständnis der iranischen Kultur und Religion führte. Die religiöse Kultur war tief in das tägliche Leben der Menschen eingebettet, von den Beerdigungsritualen über die Bildungsein­richtungen bis hin zu den religiösen Festen und Zeremonien. Die Verbindung zwischen Religion, Gesellschaft und Politik war stark, und religiöse Autori­täten hatten bedeutende Rollen in der Verwaltung und im Rechtssystem. Die Vielfalt der religiösen Praktiken und Überzeugungen spiegelte sich in den Berichten über den Aberglauben, die Astrologie und die sozialen Normen wider. Insgesamt verdeutlichen die Berichte von Olearius und Kaempfer die tiefe Verbindung zwischen Religion und Kultur in der Safawiden-Ära und wie sie das gesellschaftliche Leben und die Wahrnehmung des Irans in Eu­ropa beeinflusst haben. Dieses umfassende Bild trägt zu einem besseren Ver­ständnis dieser historischen Periode bei und legt den Grundstein für weitere Untersuchungen des deutschen Orientalismus und der religiösen Kultur im Safawiden-Iran.

Religiöse Ressourcen für Geselligkeit: Eine kulturelle und dimensionale Perspektive

Volumen 37, Ausgabe 1, August 2024, Seiten 115-138

https://doi.org/10.22034/spektrum.2024.203743

Rasool Akbari, Mahdi Hasanzadeh

Abstrakt Der vorliegende Artikel verfolgt zwei zentrale Ziele. Erstens beabsichtigt er, die vorhandene Literatur zu überprüfen und einen Ansatz zur Untersuchung der Dynamik von Religion und Friedensförderung aus der Perspektive der Religionswissenschaft zu entwickeln. Dabei werden essentialistische und funktionalistische Ansätze analysiert, soziokulturelle Theorien integriert und Ninian Smarts dimensionales Modell der Religion herangezogen, um einen umfassenden analytischen Rahmen zu schaffen. Der Artikel betont somit die Relevanz, Friedensförderung im Zusammenhang mit Religion nicht nur als statisches System von Glaubensüberzeugungen, sondern als dynamisches kulturelles System zu betrachten, das tief in sozialen Praktiken und Interaktionen verankert ist.
Zweitens zielt der Artikel darauf ab, zu analysieren, wie Religion als Ressource zur Förderung von Geselligkeit genutzt werden kann. Geselligkeit umfasst dabei gegenseitigen Respekt, Zusammenarbeit und friedliches Zusammenleben in vielfältigen Gemeinschaften. Mithilfe von Smarts dimensionalem Modell untersucht die Studie spezifische Dimensionen der Religion – darunter die doktrinäre, rituelle, mythische, erfahrungsbezogene, ethische, soziale und materielle Dimension – und zeigt auf, wie diese Aspekte zur Förderung einer Kultur des Friedens und der Kooperation beitragen können. Dieser doppelte Ansatz erweitert nicht nur das theoretische Verständnis der Rolle der Religion in der Friedensförderung, sondern bietet auch praktische Einblicke, wie religiöse Ressourcen genutzt werden können, um soziale Harmonie und Widerstandsfähigkeit zu stärken.
 

Der Tod Jesu in persischen Koranübersetzungen bis zum 12. Jahrhundert

Volumen 35, Ausgabe 2, November 2022, Seiten 153-166

Seyed Hossein Morakabi, Masoud Pourahmadali Tochahi

Abstrakt Der Koran wurde im späten 6. und frühen 7. Jahrhundert auf Arabisch verfasst und wird von Muslimen als direkte Offenbarung Gottes an den Propheten Muhammad angesehen. Die Ähnlichkeiten zwischen den Konzepten des Korans und der Bibel sind so zahlreich, dass niemand daran zweifelt, dass der Koran eine Fortsetzung der jüdisch-christlichen Tradition darstellt. Dennoch unterscheiden sich die heute existierenden islamischen Konfessionen in grundlegenden Glaubensfragen von den christlichen Konfessionen, wobei die Kreuzigung von Jesus eine der bedeutendsten Differenzen ist. Das wichtigste Dokument dieses Glaubens ist Vers 157 der Sure An-Nisa im Koran, der offen für Interpretationen ist.
Nach dem Tod des Propheten griffen arabische Muslime 633 das benachbarte Sassanidenreich im Norden an. Sie waren siegreich, und seitdem nahmen die Perser den Islam als Staatsreligion an. Daher war es notwendig, den Koran ins Persische zu übersetzen. Soweit diese Übersetzungen bis heute erhalten sind, bieten sie wertvolle Einblicke in die frühe Phase der islamischen Kultur. Die Analyse der persischen Übersetzungen zeigt, dass in allen sechs erhaltenen Übersetzungen bis zum 11. Jahrhundert der Tod Jesu akzeptiert wurde. Spätere theologische Entwicklungen im Zentrum der islamischen Welt führten jedoch zu einer anderen Interpretation von Vers 157 der Sure An-Nisa, und diese neue Interpretation konnte sich als Standardinterpretation etablieren. Die theologischen Kontroversen werden hier beiseitegelassen, und dieser Artikel befasst sich mit der Präsentation und Analyse der alten persischen Übersetzungen dieses Verses. Diese syntaktischen und pragmatischen Analysen zeigen, dass in den frühen Übersetzungen des Korans ins Persische der Tod Christi akzeptiert wurde.

Die "Zuschreibungsregel" in der Theorie von Theodor Nöldeke über die zeitliche Abfolge der Offenbarungen (Nuzûl) des Korans: Das Wesen und die Funktionen

Volumen 35, Ausgabe 1, April 2022, Seiten 55-68

Mohsen Nouraei, Djavad Salmanzadeh

Abstrakt „Tanāsub“ (Das Verhältnis der Verse oder Suren) ist eine der wichtigsten linguistischen und literarischen Regeln, die eine Rolle in verschiedenen Wissenschaften spielt, insbesondere in den Qur’an-Wissenschaften. Eine ihrer Anwendungen in den Qur’an-Wissenschaften ist die Entdeckung der Reihenfolge der Offenbarung von Versen und Suren, die Noldeke in seiner Theorie der Reihenfolge der Offenbarung umfangreich nutzt. Diese Arbeit beabsichtigt, die Qualität und Stellung der Anwendung dieses Instruments in der oben genannten Theorie mittels einer deskriptiv-analytischen Methode zu erklären und zu bewerten. Die Untersuchung der Theorie aus dieser Perspektive zeigt, dass das Verhältnis in dieser Theorie häufig und als weit verbreitetes Kriterium verwendet wurde, und Noldeke hat davon in erheblichem Maße profitiert, um die Reihenfolge der Offenbarung von Versen und Suren zu entdecken. Einige Fälle der Anwendung dieses Instruments in der genannten Theorie, wie die Etablierung eines Verhältnisses zwischen verschiedenen Suren, sind jedoch nicht logisch und genau, und dieses Instrument kann in solchen Fällen allein nicht hilfreich sein.

Zur Notwendigkeit einer neuen Übersetzung des Korans ins Deutsche, Teil II

Volumen 34, Ausgabe 2, Dezember 2021, Seiten 85-108

https://doi.org/10.22034/spektrum.2021.184475

Mahdi Esfahani, Michael Nestler

Abstrakt Der erste Teil dieses Artikels wurde bereits veröffentlicht. Er schlug eine spezifische Methode zur Übersetzung von Wörtern sowie einen allgemeinen Ansatz zur Textübersetzung vor. Der vorliegende Teil basiert auf sechs neuen Übersetzungen des Korans ins Deutsche und untersucht die Übersetzungen der Verse der Sure Hamad und der ersten 45 Verse der Sure Al-Baqara anhand des vorgeschlagenen Ansatzes. Insgesamt zeigen 37 Beispiele, dass auf der vorgeschlagenen Grundlage eine dem Text nähere Übersetzung mit genaueren Entsprechungen tatsächlich möglich ist.

Liebesgedichte des Imams

Volumen 34, Ausgabe 2, Dezember 2021, Seiten 165-172

https://doi.org/10.22034/spektrum.2021.184508

Peter Schütt

Abstrakt In diesem Memo geht Peter Schütt auf die Charakteristika der Liebesgedichte von Imam Khomeini ein und glaubt, dass der Inhalt seiner Gedichte zu diesem Thema von außergewöhnlicher Tiefe und teilweise recht fortschrittlich und unkonventionell sei. Er glaubt, dass Themen wie die Beziehung zwischen Männern und Frauen in den lyrischen Gedichten Ausdruck der Liebe Gottes zum Menschen sind. Die Leidenschaft der Liebenden füreinander konzentriert sich laut Peter Schütt auf Verbundenheit und Einheit, und das ist der Moment, in dem sie in die Arme Gottes gelegt werden. Als Beleg für seine Aussage führt Peter Schütt das Gedicht „Tag der Verbindung“ von Imam Khomeini an.
Peter Schütt stellt Imam Khomeini in die jahrtausendealte Tradition des Verfassens von Liebesgedichten, weshalb in seinen Gedichten eine Sammlung alter Symbole der persischen Poesie präsent ist: Nachtigall, Pfau, Homa, Kerze und Schmetterling.
Am Ende seiner Memoiren zitiert Schütt ein Gedicht, das er am 1. Februar 1976 verfasst hatte, als Imam Khomeini nach seinem französischen Exil nach Teheran zurückkehrte. Der Titel dieses Gedichts lautete „Die neue Art von Revolutionär“ und beschrieb Imam Khomeini mit unkonventionellen Eigenschaften, d. h. unterschiedlichen Eigenschaften von Revolutionären.


Der eine Gott und die vielen Götter- Das Paradoxon des Monotheismus

Volumen 33, Ausgabe 1, Juni 2020, Seiten 5-38

Henry Corbin

Abstrakt Dieser Artikel untersucht grundlegend das Paradoxon des Monotheismus aus der Perspektive der islamischen Mystik. Unter Bezugnahme auf die Werke von Ibn Arabi und seinem bedeutenden Kommentator Haydar Amoli präsentiert Henry Corbin eine dreistufige Analyse der Entwicklung des monotheistischen Verständnisses. In der ersten Stufe verfällt der exoterische und konventionelle Monotheismus, der Gott als höchstes Wesen (Ens supremum) begreift, tatsächlich in die Falle der "metaphysischen Idolatrie". In der zweiten Stufe transzendiert der esoterische Monotheismus diese Begrenzung und entdeckt die "Einheit des Seins" (wahdat al-wujud), in dem Gott kein Wesen, sondern reines Sein und reine Tat selbst ist. Schließlich werden in der dritten Stufe durch die Etablierung einer "integralen Ontologie" Einheit und Vielheit in der göttlichen Sphäre versöhnt. Corbin vergleicht diesen gedanklichen Weg mit der neuplatonischen Philosophie des Proklos, die eine tiefe Harmonie zwischen dem einen Gott und den vielen göttlichen Manifestationen herstellt. Durch eine detaillierte Analyse der Diagramme von Haydar Amoli zeigt der Autor auf, wie diese Perspektive zu einem umfassenderen Verständnis des Verhältnisses zwischen ontologischer Einheit und scheinbarer Vielheit im Bereich der mystischen Theologie führen kann.

Die göttlichen Hierarchien-Das Paradoxon des Monotheismus

Volumen 33, Ausgabe 1, Juni 2020, Seiten 39-72

Henry Corbin

Abstrakt Diese Arbeit untersucht das Konzept der göttlichen Hierarchien in der islamischen Mystik und vergleicht es mit der neuplatonischen Philosophie. Mit Fokus auf Suhrawardi und die ishraqi-Schule analysiert Corbin die Rolle der Engel und lichtvollen Hierarchien im kosmischen System. Die Studie zeigt, wie Suhrawardi zoroastrische Konzepte wie den Engel Bahman mit islamischer Philosophie verbindet, um ein System von Licht und Finsternis zu schaffen, in dem Engel als göttliche Vermittler wirken.
Corbin betont besonders die Rolle des "Heiligen Geist-Engels" als Mittler zwischen Menschen und der göttlichen Sphäre. Dieser Engel, vergleichbar mit Gabriel in der islamischen Tradition und dem Heiligen Geist im Christentum, leitet die spirituelle Reise der Menschen. Die Untersuchung umfasst vergleichende Analysen mit mormonischer Theologie und Samuel Butlers Schriften.
Ein wesentlicher Teil befasst sich mit der "königlichen Ordnung des Bahman-Lichtes", die Suhrawardi als Modell einer mystischen Gemeinschaft darstellt. Diese Ordnung spiegelt die Engelhierarchien in der menschlichen Gesellschaft wider und verbindet das Meister-Schüler-Verhältnis im Sufismus mit himmlischen Strukturen.

Die Perle aus der Muschel des Weltalls: Wolfram von Eschenbachs Parzival und der Orient

Volumen 33, Ausgabe 1, Juni 2020, Seiten 73-108

roland pietsch

Abstrakt Der Artikel untersucht die tiefgreifenden Verbindungen zwischen Wolfram von Eschenbachs mittelalterlichem Epos Parzival und östlichen Traditionen, insbesondere der persischen und islamischen Mystik. Parzival ist ein Schlüsselwerk der abendländischen Literatur, das den Gral (als Stein, Kelch oder Becher) als Symbol geistiger Königsherrschaft und universalen Friedens einführt. Die Handlung folgt Parzivals Suche nach dem Gral, verknüpft mit Themen wie Rittertum, Erlösung und interreligiösem Dialog. Wolframs Werk zeigt Einflüsse aus altiranischen, gnostischen und islamischen Quellen, die mit christlicher Symbolik verschmelzen. Figuren wie Gahmuret (Parzivals Vater, ein christlicher Ritter im Dienst des Kalifen von Bagdad) und Feirefiz (sein halbheidnischer Bruder) verbinden Orient und Okzident. Der Gral symbolisiert göttliches Wissen, das nur durch spirituelle Erleuchtung erlangt werden kann – ein Motiv, das an sufische und zoroastrische Lehren erinnert. Der Artikel analysiert auch das Lied von der Perle, einen iranisch-gnostischen Text, der Parzivals Weg spiegelt. Letztlich transzendiert Wolframs Epos religiöse Grenzen und verweist auf eine universelle „Urüberlieferung“.

Vladimir Sergeevič Solov’ev und seine Stellung zum Islam

Volumen 33, Ausgabe 1, Juni 2020, Seiten 149-184

roland pietsch

Abstrakt Der Artikel untersucht Vladimir Solov’evs philosophische und theologische Auseinandersetzung mit dem Islam, geprägt durch sein Konzept der „All-Einheit“ (vseedinstvo). In Drei Kräfte (1877) kritisiert Solov’ev den Islam als starres System, das individuelle Freiheit unterdrücke, und kontrastiert ihn mit westlichem Individualismus und slawischer Spiritualität. Später in Mohammed: Sein Leben und seine Lehre (1896) würdigt er den Propheten und den islamischen Monotheismus, bemängelt aber das Fehlen progressiver Ideale. Solov’evs mystische Sophia-Visionen, die seine Idee einer übergreifenden „Religion des Heiligen Geistes“ prägten, werden als Schlüssel zum Verständnis seines inklusiven, aber unvollendeten Universalismus hervorgehoben. Trotz seiner christlich-eschatologischen Schwerpunkte deutet sein Schweigen zum Islam in Drei Gespräche über den Antichrist auf eine implizite Anerkennung seiner spirituellen Rolle hin.

Eine Erklärung der Moral des Propheten in Medina aus existenzphilosophischer Perspektive

Volumen 31, Ausgabe 4, Dezember 2018, Seiten 59-74

Ahmadali Heydari

Abstrakt Diese Arbeit versucht, die moralischen Handlungen des Propheten Muḥammad anhand der existenziellen Ethik zu analysieren. Ausgehend von diesem Ansatz stützen wir uns auf die Einheit von Bewusstsein und Tugend und legen den Schwerpunkt auf die enge Verbindung zwischen dem existenziellen Wissen des Propheten und seinen ethischen Handlungen. Dadurch lassen sich viele historische Fehlurteile, die auf nicht-existenziellen Ansätzen beruhen, korrigieren.
Begriffe wie Lebenswelt und Erlebnis bezeichnen eine Welt, die mit vorwissenschaftlichen Tatsachen und gelebten Erfahrungen verbunden ist und im Gegensatz zu einer Sichtweise steht, die auf die Zentralität der Subjektivität und ausschließlich theoretische und wissenschaftliche Fragestellungen fokussiert.
Mit anderen Worten: Nach diesem Ansatz ist das kulturelle Leben des Propheten das zentrale Konzept, das uns ermöglicht, seine moralischen Handlungen zu analysieren – insbesondere dort, wo keine historischen Belege vorhanden sind. Ein weiteres Ergebnis dieses Ansatzes ist, dass die Analyse seines Lebensstils auch ohne Rückgriff auf einen historischen Relativismus möglich ist.
Dies wiederum legt den Grundstein für eine Geschichte, die in späteren historischen Phasen – etwa im Denken von Imam ʿAlī und dessen Nachkommen – nachvollzogen werden kann, als Teil der mystischen schiitischen Gedankenwelt, die laut Ṭabāṭabāʾī die „Quelle der Mystik“ bildet.

Die Entwicklung einer schiitischen Rechtslehre ohne Ḫabar al-wāḥid – eine Unmöglichkeit?

Volumen 31, Ausgabe 4, Dezember 2018, Seiten 75-85

Sayed Hossein Al-Qazwini

Abstrakt In Medina vermittelten die Imame der Ahl al-Bait ihr Wissen durch Zusammenkünfte mit ihren Anhängern, die als Schiiten bekannt wurden. Während dieser Sitzungen hielten die Gefährten der Imame deren Aussprüche und Lehren entweder schriftlich fest oder prägten sie sich ein. Diese überlieferten Aussprüche wurden später als aḫbār – Überlieferungen oder Berichte – bekannt, von denen viele Einzelnachrichten waren und daher später unter dem Begriff aḫbār āḥād (Plural von ḫabar al-wāḥid) zusammengefasst wurden.
Die Legitimität und Autorität von ḫabar al-wāḥid wurde bereits seit der Entstehungszeit der schiitischen Rechtswissenschaft kontrovers diskutiert – mit Befürwortern und Gegnern. Auch mehrere zeitgenössische schiitische Gelehrte haben zur Ablehnung des ḫabar al-wāḥid aufgerufen und Juristen dazu eingeladen, eine schiitische Rechtslehre zu entwickeln, die auf dessen Verwendung verzichtet.
Doch wie realistisch ist diese Idee? Ist es praktisch möglich, ein vollständiges System der schiitischen Rechtswissenschaft ohne die Berücksichtigung tausender aḫbār āḥād zu schaffen? Zeitgenössische Rechtsgelehrte haben vorgeschlagen, ḫabar al-wāḥid durch andere juristische Instrumente zu ersetzen, wie etwa durch die allgemeinen Gesetze des Korans, durch zahlreich überlieferte Berichte (tawātur), durch die Vernunft (ʿaql) und durch den Konsens (iǧmāʿ).
Würde dies nicht zur Entstehung eines völlig neuen Rechtssystems führen? Diese Frage steht im Mittelpunkt dieses Beitrags, der Teil eines laufenden Forschungsprojekts zur Rolle des ḫabar al-wāḥid in der schiitischen Jurisprudenz ist.

Kosmogonische Mythen in den religiösen Vorstellungen der Ahl-e Ḥaqq und der Alevitisch-Bektaschitischen Gemeinschaften – Eine vergleichende Studie

Volumen 31, Ausgabe 3, September 2018, Seiten 43-56

Fatemeh Lajevardi

Abstrakt Kosmogonische Mythen sind grundlegende symbolische Erzählungen über die Entstehung des Universums und all seiner Bestandteile. Sie bilden einen idealen Rahmen für zentrale Glaubensvorstellungen vieler Religionen. Durch ihre symbolische Ausdrucksweise liefern diese Mythen auch grundlegende Muster für Rituale sowie für Bedeutungs- und Wertesysteme in Kulturen. Kosmogonische Mythen lassen sich in mehrere Grundtypen einteilen, etwa die Schöpfung durch einen transzendenten und allmächtigen Gott, durch kosmische Eltern oder Paare, die Entstehung aus der Erde und andere. Die Untersuchung der Hauptthemen der kosmogonischen Mythen der Ahl-e Ḥaqq im Iran und der Alevitisch-Bektaschitischen Gemeinschaften in Anatolien zeigt, dass beide derselben Kategorie angehören, nämlich der Schöpfung aus dem kosmischen Ozean bzw. kosmischen Ei. Diese Mythen beginnen gewöhnlich mit einem urzeitlichen Meer, Ozean oder Chaos, aus dem sich allmählich und über lange kosmische Zeit hinweg eine Muschel, ein Ei, eine Perle oder ein Juwel bzw. andere Wesen herausbilden. Die kosmogonischen Mythen dieser beiden religiösen Strömungen weisen aufgrund ihres gemeinsamen historischen und kulturellen Hintergrunds gewisse Parallelen in den Details auf, aber auch Unterschiede, die auf unterschiedliche Betonungen der Stellung und Rolle von Muhammad und ʿAlī zurückzuführen sind.

Šāh Ismāʻīl und seine zeitgleich mehreren Koranexemplare: eine Reflexion der Problematik der Signaturfälschung der schiitischen Imame in den Koranmanuskripten

Volumen 31, Ausgabe 2, Juni 2018, Seiten 29-53

Morteza Karimi-nia

Abstrakt Dieser Beitrag untersucht eine Reihe von Koranfragmenten in kufischer Schrift, an deren Ende Kolophone hinzugefügt wurden, die der Handschrift eines der schiitischen Imame zugeschrieben werden. Der Autor stellt zunächst zehn Manuskripte, ihre materiellen Merkmale sowie den Inhalt dieser Koranmanuskripte mit Abbildungen vor. Anschließend zeigt er durch Analyse der Kolophone, dass diese den Imamen zugeschriebenen Zusätze später als der ursprüngliche Entstehungszeitpunkt der Manuskripte eingefügt wurden. Alle diese Kolophone enthalten Formulierungen, die auf eine Besichtigung und Versiegelung der Manuskripte durch den safawidischen König Šāh Ismāʻīl (Regierungszeit 1487–1524 n. Chr.) hinweisen. Der Autor legt dar, dass es sich dabei ebenfalls um eine spätere Fälschung handelt, die nach der Zeit Šāh Ismāʻīls vorgenommen wurde, um den materiellen und spirituellen Wert der Manuskripte zu steigern.

Frühe Reaktionen auf al-Ḥaira

Volumen 31, Ausgabe 2, Juni 2018, Seiten 63-71

Andrew J. Newman

Abstrakt Ibn Bābawaihs al-Faqīh hat in der Forschung zum Schiitentum große Beachtung gefunden, insbesondere unter Autoren westlicher Sprachen. Seine anderen Sammlungen von Hadithen der Imame wurden jedoch weniger beachtet. Der Fokus liegt hier auf Ibn Bābawaihs Kamāl ad-Dīn und ʻUyūn Aḫbār ar-Riḍā. Die im ersten Text zusammengestellten Inhalte deuten darauf hin, dass einige heute als grundlegend geltende Lehren der Zwölfer-Schiiten damals innerhalb der Gemeinschaft umstritten waren und von externen Diskursen herausgefordert wurden. Laut dieser Studie legen Abschnitte des zweiten Werks (ʻUyūn Aḫbār ar-Riḍā) nahe, dass Teile der Gemeinschaft allmählich die in Kamāl behandelte Phase der al-Ḥaira überwanden.

Iğtihād und Reform im Zwölferschiismus

Volumen 31, Ausgabe 2, Juni 2018, Seiten 73-86

Liyakat Takim

Abstrakt Neue Herausforderungen und Gegebenheiten haben muslimische Rechtsgelehrte dazu veranlasst, sich vertieften Forschungen und Iǧtihād zu widmen, um ihren Anhängern zeitgemäße und relevante Leitlinien bieten zu können. Dieser Beitrag untersucht zunächst die Argumente zeitgenössischer muslimischer Denker, die eine Neubewertung des traditionellen Iǧtihād sowie die Entwicklung neuer Strategien für eine moderne Form des Iǧtihād fordern. Diese Gelehrten plädieren zudem für eine Überprüfung der erkenntnistheoretischen Grundlagen und hermeneutischen Methoden der islamischen Rechtslehre (Uṣūl al-Fiqh). Befürworter einer Erneuerung des Iǧtihād betonen, dass die Interpretationen der islamischen Offenbarung stets mit den spezifischen Gegebenheiten ihrer Zeit und ihres Ortes verwoben waren. Juristen können daher nur allgemeine Prinzipien formulieren, nicht aber zeit- und ortsunabhängige Rechtsentscheidungen treffen. Für sie liegt die eigentliche Bewährungsprobe eines Rechtssystems in seiner praktischen Anwendung innerhalb der Gläubigengemeinschaft. Die Anwendbarkeit des islamischen Rechts in der Moderne muss vor dem Hintergrund seiner Relevanz im Kontext heutiger Nationalstaaten überprüft werden, die die Gleichheit aller Bürger unabhängig von religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit betonen. Viele Gelehrte argumentieren zudem, dass die hermeneutischen Prinzipien des Iǧtihād Raum für eine dynamischere und lebendigere Auslegung der islamischen Botschaft bieten.