Spektrum Iran
Autor = Shahin Awani

Persophilie neu betrachtet im globalen Kontext Ein Gegenentwurf zu Edward Saids Orientalismus-Kritik

Volumen 36, Ausgabe 1, Juli 2023, Seiten 5-20

https://doi.org/10.22034/spektrum.2023.182286

Irmgard pinn, Shahin Awani

Abstrakt Hamid Dabashis Studie Persophilia: Persian Culture on the Global Scene (2015) stellt einen Gegenentwurf des iranisch-amerikanischen Historikers Hamid Dabashi zu Edward Saids wegweisendem Werk Orientalism (erstmals 1978 veröffentlicht) dar. Während Said sich ausschließlich auf den repressiven Einfluss der Kolonialmächte auf den Orient konzentrierte, erweitert Dabashi die Analyse auf zirkuläre Prozesse der Wissensproduktion im globalen Austausch.
Anhand zahlreicher Beispiele zeigt Dabashi, wie unabsichtlich und unwissentlich durch die Kolonialmächte – und oft sogar entgegen deren Interessen – durch solche Austauschprozesse in den Kolonien, analog zur europäischen Zivilgesellschaft, wie sie Habermas in seinem bekannten Werk Strukturwandel der Öffentlichkeit (1990) beschrieben hat, öffentliche Sphären entstanden. In diesen entwickelten sich soziale Kritik, nationale Identitäten und Widerstand gegen die Kolonialmächte.
Rückblickend trug die europäische Persophilie, als eine Variante des Orientalismus mit positiven Konnotationen, wesentlich zur Entstehung einer literarischen und später politischen Öffentlichkeit in Persien (einem bevorzugten Thema Dabashis) bei. Zentral in seinen zahlreichen Beispielen aus Linguistik, Kunst und Philosophie betont er den Einfluss der mystischen persischen Poesie auf die deutsche Romantik, illustriert durch Hafez’ Anziehungskraft auf Goethe und andere Dichter.
Schließlich betrachtet Dabashi parallele politische und wirtschaftliche Entwicklungen in Deutschland und dem persischen Kulturraum im 20. Jahrhundert, die eine Verschmelzung von poetisch-mystischen und faschistischen/nationalsozialistischen Ideen begünstigten und so die ideologischen Voraussetzungen für den Pan-Islamismus und den politischen Islam im Iran schufen.

Kultur des Friedens aus der Sicht von Hwäğeh Naşir al-Din Țūsī

Volumen 34, Ausgabe 1, Juni 2021, Seiten 1-16

https://doi.org/10.22034/spektrum.2021.184527

Shahin Awani

Abstrakt Frieden ist eine der Erscheinungsformen von Zivilisation und Kultur. Aus der Sicht der islamischen Philosophie ist „Kultur“ nicht nur eine Denkweise oder ein Lebensstil, nicht bloß gewohnheitsmäßige Moral und überlieferte Normen, sondern vielmehr die „zweite Natur des Menschen“ und die kollektive Identität der muslimischen Gemeinschaft (Umma), auf der die Grundlagen theoretischer und praktischer Werte beruhen, die ein friedliches Zusammenleben mit anderen Nationen und Gemeinschaften ermöglichen. Ḫwāğeh Naṣīr al-Dīn Ṭūsī (597–672 n.H.) verfasste im Jahr 633 n.H./1235 n.Chr. das Werk Aḫlāq-e Nāṣerī. Dieses Buch gilt als eine der bedeutenden Quellen der iranisch-islamischen philosophischen Ethik. Das Kapitel über praktische Philosophie, das auf das Kapitel zur moralischen Veredelung folgt, besteht aus fünf Teilen: 1. Der Haushalt und seine wesentlichen Elemente; 2. Verwaltung von Besitz (amwāl) und Nahrungsmitteln (aqwāt); 3. Verwaltung der Haushaltsmitglieder; 4. Erziehung der Kinder; 5. Die richtige Politik im Umgang mit Dienern und Sklaven. Der vorliegende Artikel behandelt die Kultur des Friedens aus der Sicht Naṣīr al-Dīn Ṭūsīs und deren Bedeutung für gegenwärtige Diskussionen über Frieden. Dabei wird auch die Frage aufgeworfen, ob Ṭūsīs Theorie als virtuelles Modell in der heutigen Situation nutzbar gemacht werden kann. Angesichts der Tatsache, dass der Frieden sowohl durch die „westliche Globalisierung“ als auch durch den „islamischen Extremismus“ gefährdet ist, stellt sich die Frage, wie Frieden und Sicherheit in der heutigen Menschheitsgemeinschaft wiederhergestellt werden können.