Spektrum Iran

Ḥeğleh – Lichterpavillons zum Totengedenken im schiitischen Iran

Art des Dokuments : Case Report

Autor

Außerplanmäßiger emeritierter Professor für die Religion und Kultur des Islam am Institut für den Nahen und Mittleren Osten, Ludwig-Maximilians-Universität München, Deutschland

Abstrakt
In diesem kurzen Beitrag untersucht der Autor einen bislang unbeachteten Aspekt der materiellen Religion im Iran, nämlich Gedenkstrukturen für Verstorbene, insbesondere junge männliche Märtyrer. Diese beleuchteten, pavillonartigen Strukturen werden ḥeğleh genannt – ein Begriff, der sich auf die ḥeğleh-ye ‘arūsī, also die prachtvoll geschmückte Brautkammer, bezieht und an das Gedenken an den jungen Märtyrer Qāsem ibn al-Ḥasan erinnert, der während der Schlacht von Karbala seine Ehe nicht mehr vollziehen konnte.
Die fromme Praxis, für eine bestimmte Zeitspanne (drei, sieben oder sogar vierzig Tage) eine ḥeğleh zu errichten – entweder auf der Straße vor dem Haus des Verstorbenen oder vor dem Laden, in dem er gearbeitet hatte –, entwickelte sich offenbar im Laufe des 20. Jahrhunderts oder sogar schon früher. Diese Gedenkstruktur, die von einem spezialisierten Schreiner gefertigt wird, weist formale Ähnlichkeiten sowohl mit einem Pavillon als auch mit einer Krone auf und ist häufig mit Spiegelmosaiken und sogar mit einem Porträt des Verstorbenen verziert. Neben runden Strukturen gibt es auch rechteckige mit sechs Säulen. Im Kontext schiitischer Frömmigkeit werden solche reich geschmückten ḥeğlehs zu einer materiellen Vergegenwärtigung des Totengedenkens.

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