Spektrum Iran
Volumen und Ausgabe: Volumen 31, Ausgabe 4, Dezember 2018, Seiten 1-98 
Persian Literature

Band und ʻAhd Ein Ausdruck in der Erzählung „Der Fischer und der Dschinni“ in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht

Seiten 1-21

Alireza Esmaeilpour

Abstrakt In einer der ersten Erzählungen der Märchen aus Tausendundeiner Nacht, „Der Fischer und der Dschinni“, erscheint ein unklarer Ausdruck, in dem das arabische Wort ʻahd ( عه د ) gemäß der Handlung der Geschichte „Magie“ bedeuten müsste. Im Arabischen bedeutet ʻahd „Eid“, „Testament“, „Verpflichtung“ und Ähnliches, jedoch niemals „Magie“. In der alten persischen Dichtung und Prosa hingegen findet man das persische Wort band (بند ), das sowohl „Eid“ als auch „Magie“ bedeuten kann. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, dass dieser arabische Ausdruck und möglicherweise die gesamte Erzählung eine ursprünglich mittelpersische oder persische Version hatten, die ins Arabische übersetzt wurde, wobei das persische band fälschlich als ʻahd und nicht als siḥr („Magie“) übersetzt wurde. Dementsprechend könnte die Erzählung „Der Fischer und der Dschinni“ eine der ursprünglich persischen Geschichten in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht sein – oder zumindest kann der oben genannte Ausdruck als ein rhetorisches Erzählmittel aus iranischen Zaubergeschichten betrachtet werden, dessen Fehlübersetzung sich einst in arabischen Erzählungen verbreitete und schließlich in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht gefestigt wurde.

Social Studies

Ḥeğleh – Lichterpavillons zum Totengedenken im schiitischen Iran

Seiten 23-30

Jürgen Wasim Frembgen

Abstrakt In diesem kurzen Beitrag untersucht der Autor einen bislang unbeachteten Aspekt der materiellen Religion im Iran, nämlich Gedenkstrukturen für Verstorbene, insbesondere junge männliche Märtyrer. Diese beleuchteten, pavillonartigen Strukturen werden ḥeğleh genannt – ein Begriff, der sich auf die ḥeğleh-ye ‘arūsī, also die prachtvoll geschmückte Brautkammer, bezieht und an das Gedenken an den jungen Märtyrer Qāsem ibn al-Ḥasan erinnert, der während der Schlacht von Karbala seine Ehe nicht mehr vollziehen konnte.
Die fromme Praxis, für eine bestimmte Zeitspanne (drei, sieben oder sogar vierzig Tage) eine ḥeğleh zu errichten – entweder auf der Straße vor dem Haus des Verstorbenen oder vor dem Laden, in dem er gearbeitet hatte –, entwickelte sich offenbar im Laufe des 20. Jahrhunderts oder sogar schon früher. Diese Gedenkstruktur, die von einem spezialisierten Schreiner gefertigt wird, weist formale Ähnlichkeiten sowohl mit einem Pavillon als auch mit einer Krone auf und ist häufig mit Spiegelmosaiken und sogar mit einem Porträt des Verstorbenen verziert. Neben runden Strukturen gibt es auch rechteckige mit sechs Säulen. Im Kontext schiitischer Frömmigkeit werden solche reich geschmückten ḥeğlehs zu einer materiellen Vergegenwärtigung des Totengedenkens.

Linguistics

Goethes kosmopolitische Idee der Weltliteratur versus nationalistische Gedanken

Seiten 31-44

Mohammad Hossein Haddadi, Hassan Parvan

Abstrakt Die Idee der Weltliteratur ist eine der zentralen Säulen in Goethes literarischem und künstlerischem Leben. Die Entstehung und Weiterentwicklung dieses Konzepts ist das Ergebnis seiner tiefen Hinwendung zur ausländischen Literatur sowie seines Bedürfnisses, die Weltliteratur in der eigenen Kultur widerzuspiegeln – durch die Anerkennung der Potenziale und Fähigkeiten anderer Kulturen.
Diese Idee steht aus kultureller und literarischer Perspektive im Gegensatz zu extrem nationalistischen Vorstellungen, und zwar durch ihre gesellschaftspolitischen und kosmopolitischen Dimensionen. Gerade heute, mit dem Wiedererstarken neuer nationalistischer Strömungen in vielen Ländern weltweit, gewinnt dieses Thema an Relevanz.
Der vorliegende Artikel vergleicht auf der Grundlage von Goethes Idee der universellen Literatur seine Ansichten mit nationalistischen Überzeugungen und kommt zu dem Schluss, dass Goethe betont, „die Tore der nationalen Literatur für die Literatur anderer Nationen zu öffnen – mit dem Wunsch nach wechselseitigem Einfluss sowie mit der Einladung an die Denker und Autoren der Welt, sich am intellektuellen Austausch, am kulturellen Dialog und an internationalen Verbindungen zu beteiligen“. Goethes Vorstellungen umfassen transnationale, transethnische und transregionale Dimensionen.

Philosophy and Theology

Die historische Persönlichkeit von Ḥāǧ Bektāš Walī Basierend auf historischen und mystischen Quellen

Seiten 45-58

Fahimeh Mokhber Dezfouli

Abstrakt Ḥāǧ Bektāš Walī Ḫurāsānī war einer der Sufi-Scheichs, der nach der mongolischen Invasion in Iran seine Heimat Ḫurāsān verließ und sich schließlich in Anatolien niederließ. Zeitgenössische schriftliche Quellen betrachteten ihn als Mystiker (ʻārif) und als einen der wāṣilān aus Ḫurāsān. Trotz seiner Verbindung zu den Führern des sozialpolitischen Aufstands der Bābā’is und der Ermordung seines Bruders in diesem Zusammenhang, hielt sich Ḥāǧ Bektāš von ihnen fern und widmete sich der Schulung und Unterweisung seiner Anhänger, die als Abdāls bekannt waren.
Mit dem Aufstieg der Osmanen wurde der Bektāšī-Orden organisiert und in Anatolien etabliert. Aufgrund des antiseljukischen Charakters des Bābā’i-Aufstands neigten die seldschukischen Historiker dazu, diesen abzuwerten. Sie unternahmen keine ernsthaften Versuche, die Ursachen des Bābā’i-Aufstands zu analysieren oder ihre Ideen zu untersuchen. Der Bektāšī-Orden wurde erst nach dem Tod von Ḥāǧ Bektāš gegründet, wobei er zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und Verehrung der Bektāšīs wurde. Infolgedessen wurden zahlreiche Wunder und unglaubliche Geschichten über ihn verbreitet, sodass seine wahre historische Persönlichkeit kaum mehr zu erkennen ist.
Dieser Beitrag befasst sich mit den historischen Quellen zur Entstehung der Bektāšīs sowie mit mystischen Schriften, die sich mit den Sufi-Scheichs in Anatolien beschäftigen, und vergleicht diese mit den mystischen Quellen der Aleviten-Bektāšīs, um ein klareres Bild der historischen Figur Ḥāǧ Bektāš Walī zu gewinnen.

Religion

Eine Erklärung der Moral des Propheten in Medina aus existenzphilosophischer Perspektive

Seiten 59-74

Ahmadali Heydari

Abstrakt Diese Arbeit versucht, die moralischen Handlungen des Propheten Muḥammad anhand der existenziellen Ethik zu analysieren. Ausgehend von diesem Ansatz stützen wir uns auf die Einheit von Bewusstsein und Tugend und legen den Schwerpunkt auf die enge Verbindung zwischen dem existenziellen Wissen des Propheten und seinen ethischen Handlungen. Dadurch lassen sich viele historische Fehlurteile, die auf nicht-existenziellen Ansätzen beruhen, korrigieren.
Begriffe wie Lebenswelt und Erlebnis bezeichnen eine Welt, die mit vorwissenschaftlichen Tatsachen und gelebten Erfahrungen verbunden ist und im Gegensatz zu einer Sichtweise steht, die auf die Zentralität der Subjektivität und ausschließlich theoretische und wissenschaftliche Fragestellungen fokussiert.
Mit anderen Worten: Nach diesem Ansatz ist das kulturelle Leben des Propheten das zentrale Konzept, das uns ermöglicht, seine moralischen Handlungen zu analysieren – insbesondere dort, wo keine historischen Belege vorhanden sind. Ein weiteres Ergebnis dieses Ansatzes ist, dass die Analyse seines Lebensstils auch ohne Rückgriff auf einen historischen Relativismus möglich ist.
Dies wiederum legt den Grundstein für eine Geschichte, die in späteren historischen Phasen – etwa im Denken von Imam ʿAlī und dessen Nachkommen – nachvollzogen werden kann, als Teil der mystischen schiitischen Gedankenwelt, die laut Ṭabāṭabāʾī die „Quelle der Mystik“ bildet.

Religion

Die Entwicklung einer schiitischen Rechtslehre ohne Ḫabar al-wāḥid – eine Unmöglichkeit?

Seiten 75-85

Sayed Hossein Al-Qazwini

Abstrakt In Medina vermittelten die Imame der Ahl al-Bait ihr Wissen durch Zusammenkünfte mit ihren Anhängern, die als Schiiten bekannt wurden. Während dieser Sitzungen hielten die Gefährten der Imame deren Aussprüche und Lehren entweder schriftlich fest oder prägten sie sich ein. Diese überlieferten Aussprüche wurden später als aḫbār – Überlieferungen oder Berichte – bekannt, von denen viele Einzelnachrichten waren und daher später unter dem Begriff aḫbār āḥād (Plural von ḫabar al-wāḥid) zusammengefasst wurden.
Die Legitimität und Autorität von ḫabar al-wāḥid wurde bereits seit der Entstehungszeit der schiitischen Rechtswissenschaft kontrovers diskutiert – mit Befürwortern und Gegnern. Auch mehrere zeitgenössische schiitische Gelehrte haben zur Ablehnung des ḫabar al-wāḥid aufgerufen und Juristen dazu eingeladen, eine schiitische Rechtslehre zu entwickeln, die auf dessen Verwendung verzichtet.
Doch wie realistisch ist diese Idee? Ist es praktisch möglich, ein vollständiges System der schiitischen Rechtswissenschaft ohne die Berücksichtigung tausender aḫbār āḥād zu schaffen? Zeitgenössische Rechtsgelehrte haben vorgeschlagen, ḫabar al-wāḥid durch andere juristische Instrumente zu ersetzen, wie etwa durch die allgemeinen Gesetze des Korans, durch zahlreich überlieferte Berichte (tawātur), durch die Vernunft (ʿaql) und durch den Konsens (iǧmāʿ).
Würde dies nicht zur Entstehung eines völlig neuen Rechtssystems führen? Diese Frage steht im Mittelpunkt dieses Beitrags, der Teil eines laufenden Forschungsprojekts zur Rolle des ḫabar al-wāḥid in der schiitischen Jurisprudenz ist.

Social Studies

Ein Blick auf das Buch „Die Wurzeln der Wiederbelebung des islamischen Kalifats und dessen geopolitische Auswirkungen“

Seiten 86-89

Hossein Ajorlou

Abstrakt Die Buchrezension analysiert Sayyid Ali Moujanis Werk „Die Wurzeln der Wiederbelebung des islamischen Kalifats und dessen geopolitische Auswirkungen“. Das Buch bietet eine interdisziplinäre Untersuchung über die ideologischen, sozialen und geopolitischen Ursprünge der Wiederbelebung des Kalifatsgedankens durch takfiristische Gruppen wie den IS. Moujani beleuchtet nicht nur äußere politische Einflüsse, sondern auch tieferliegende soziale Spannungen wie Identitätskonflikte, Armut, Modernisierungsdruck und ideologische Enttäuschung. Durch Feldforschung, Interviews und Sprachkompetenz bietet er fundierte Einsichten aus erster Hand. Kritisch angemerkt wird die unzureichende Auseinandersetzung mit dem Einfluss von Bewegungen wie den Muslimbrüdern und dem Wahhabismus. Insgesamt bietet das Buch eine wertvolle Grundlage zur Analyse der gegenwärtigen Dynamiken im Nahen Osten