Entzauberung der Geschichte: Raum, Identität und Ğannāt al-Baqīʻ
Seiten 1-23
Adam Bobeck
Abstrakt Der Friedhof Ğannat al-Baqīʻ in Medina gehört zu den bedeutendsten Orten in der religiösen Geografie der Muslime. Zugleich ist er ein Schauplatz anhaltender Auseinandersetzungen um konkurrierende Deutungen, insbesondere zwischen der saudisch-wahhabitischen Allianz auf der einen Seite und schiitischen sowie sunnitischen Muslimen auf der anderen. Der Friedhof, auf dem sich zahlreiche für Muslime äußerst wichtige Grabstätten befinden, wurde in der Vergangenheit zweimal von der saudischen Regierung zerstört. Dieser Beitrag argumentiert, dass das Motiv für dieses Vorgehen räumlicher Natur ist – und dass der Islam grundsätzlich als eine räumliche Religion gelesen werden sollte. Eine solche Lesart des Islam verdeutlicht die Verbindung zwischen Raum, Identität und Erinnerung. Aufbauend auf Theorien von Gilles Deleuze und Félix Guattari lassen sich drei sich überschneidende Prozesse im Baqīʻ beobachten: Räumlichmachung, Ent-Räumlichung und Neu-Räumlichung. Räumlichmachung bezeichnet die Entstehung und Ausweitung des Friedhofs sowie die jahrhundertelange Errichtung und Renovierung von Grabstätten. Ent-Räumlichung verweist auf die wiederholte Zerstörung dieser Stätten; und Neu-Räumlichung zeigt sich besonders deutlich in der heutigen strikten Kontrolle der räumlichen Anordnungen und Praktiken durch die saudisch-wahhabitischen Autoritäten. Die saudisch-wahhabitischen Akteure entfernten Zeichen und Symbole nicht nur, um den Friedhof seiner traditionellen Bedeutung zu entleeren, sondern um ihm eine neue, alternative Bedeutung zu verleihen.
Ein Beweis für das Unbeweisbare? Ein Vergleich zwischen Anselms ontologischem Gottesbeweis und dem Beweis der Ṣeddīqīn
Seiten 25-42
Liyakat Takim, Mona Jahangiri
Abstrakt Das Wort Ṣeddīqīn ist von Ṣādeq abgeleitet und bezeichnet eine Person, die stets die Wahrheit spricht. In der islamischen Philosophie gibt es unterschiedliche Herangehensweisen an den Gottesbeweis der Ṣeddīqīn, die in diesem Beitrag vorgestellt und diskutiert werden. In der westlichen Philosophie gilt Anselm von Canterbury als Begründer des ontologischen Gottesbeweises. In seinem Werk Proslogion definiert Anselm Gott als ein Wesen, über das hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Da dieses Wesen im Geist eines jeden existiert, müsse es folglich auch in der Realität existieren. In diesem Beitrag wird der Gottesbeweis der Ṣeddīqīn in der islamischen Philosophie untersucht und mit Anselms Gottesbeweis in der westlichen Philosophie verglichen.
Kosmogonische Mythen in den religiösen Vorstellungen der Ahl-e Ḥaqq und der Alevitisch-Bektaschitischen Gemeinschaften – Eine vergleichende Studie
Seiten 43-56
Fatemeh Lajevardi
Abstrakt Kosmogonische Mythen sind grundlegende symbolische Erzählungen über die Entstehung des Universums und all seiner Bestandteile. Sie bilden einen idealen Rahmen für zentrale Glaubensvorstellungen vieler Religionen. Durch ihre symbolische Ausdrucksweise liefern diese Mythen auch grundlegende Muster für Rituale sowie für Bedeutungs- und Wertesysteme in Kulturen. Kosmogonische Mythen lassen sich in mehrere Grundtypen einteilen, etwa die Schöpfung durch einen transzendenten und allmächtigen Gott, durch kosmische Eltern oder Paare, die Entstehung aus der Erde und andere. Die Untersuchung der Hauptthemen der kosmogonischen Mythen der Ahl-e Ḥaqq im Iran und der Alevitisch-Bektaschitischen Gemeinschaften in Anatolien zeigt, dass beide derselben Kategorie angehören, nämlich der Schöpfung aus dem kosmischen Ozean bzw. kosmischen Ei. Diese Mythen beginnen gewöhnlich mit einem urzeitlichen Meer, Ozean oder Chaos, aus dem sich allmählich und über lange kosmische Zeit hinweg eine Muschel, ein Ei, eine Perle oder ein Juwel bzw. andere Wesen herausbilden. Die kosmogonischen Mythen dieser beiden religiösen Strömungen weisen aufgrund ihres gemeinsamen historischen und kulturellen Hintergrunds gewisse Parallelen in den Details auf, aber auch Unterschiede, die auf unterschiedliche Betonungen der Stellung und Rolle von Muhammad und ʿAlī zurückzuführen sind.
Eine kritische Analyse des Šāhnāme-ye Ḥaqīqat
Seiten 57-73
Naser Gozashteh, Seyed Kasra Heydari
Abstrakt Dieser Beitrag widmet sich einer kritischen Analyse einer der schriftlichen Quellen der Ahl-e Ḥaqq, nämlich dem Werk Šāhnāme-ye Ḥaqīqat. Der Autor Neʿmatollāh Ğeyhūn-Ābādī Mokri behauptet, über ein umfassendes Verständnis der Glaubensvorstellungen und Rituale der Ahl-e Ḥaqq (Dīn-e Yārī) zu verfügen. Die vorliegende kritische Untersuchung vergleicht den Inhalt des Buches mit anderen offiziellen Quellen der Ahl-e Ḥaqq. Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass – entgegen den Behauptungen des Autors – dessen Darstellung keine authentische Wiedergabe der Yāresān-Lehren ist. Vielmehr wurden persönliche Ansichten mit den ursprünglichen Glaubensvorstellungen vermischt. Diese Schlussfolgerung beruht auf einem Satz-für-Satz-Vergleich des Šāhnāme-ye Ḥaqīqat mit originalen Texten und Referenzwerken der Yāresān wie dem Dīwān-a Gowra und dem Daftar-e Nowrūz, die in Kermānšāh, Gahvāre und Tekye-ye Ḥeydarī aufbewahrt werden.
Hafez’ Zugang zum Problem moralischer Urteile
Seiten 75-86
Masoud Faryamanesh
Abstrakt Dieser Beitrag untersucht den Zugang von Hafez zum Problem moralischer Urteile anhand gegenwärtiger ethischer Begrifflichkeiten. Es wird gezeigt, dass Hafez’ Verse eine moralische Perspektive innerhalb der normativen Ethik bestätigen, die als tugendethischer Ansatz identifiziert werden kann. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zum Deontologismus und zum Konsequentialismus und betont Tugenden bzw. den moralischen Charakter. Bei moralischen Urteilen sollte man sich theoretisch auf den Charakter statt auf Regeln, Pflichten oder Handlungskonsequenzen stützen. Der Beitrag legt dar, dass der tugendethische Ansatz von Hafez moralisches Urteilen an sich praktisch unmöglich oder zumindest äußerst schwierig macht – und moralisches Urteilen aus mindestens drei Gründen vermeidet:
a) Das Problem moralischer Urteile ist eine erkenntnistheoretische Lücke;
b) Das Ziel der Moral besteht im richtigen Handeln, was moralischen Urteilen entgegensteht. Daher ist gemäß Hafez die Selbstreinigung der Aufforderung an andere vorzuziehen;
c) Das menschliche Leben steht vollständig unter der Herrschaft des Schicksals.
Eine Analyse von vier Zeitschriften: Kaveh, Iranshahr, Nāme-ye Farangestān und ʻelm wa Honar
Seiten 87-106
Elham Dolatabadi, Tahmores Sajedi Saba
Abstrakt Von 1915 bis 1930 veröffentlichten mehrere iranische Intellektuelle, die in Berlin lebten, verschiedene Zeitschriften und brachten dabei Ideen und Themen ein, die in den zeitgenössischen Iran-Studien (Sprache, Religion und iranische Kultur) von Bedeutung sind. Seyyed Hassan Taghizadeh, Mirza Mohammad Khan Qazvini, Hossein Kazemzadeh Iranshahr und Mohammad-Ali Jamalzadeh gehören zu den prominenten Iranern, die die Zeitschriften Kaveh und Iranshahr im Druckhaus Kaviani herausgaben. Eine weitere Zeitschrift, die zur zweiten Generation der in Berlin lebenden Iraner gehörte, war Nāme-ye Farangestān. In diesem Beitrag werden diese drei Zeitschriften sowie ʻElm wa Honar, gegründet von Abol-qasem Wosuq, untersucht. Ziel der Studie ist ein Überblick über diese vier Magazine hinsichtlich iranischer Kultur, Geschichte, Linguistik und Religion.
„Über die Vergangenheit Irans” Rezension und Analyse eines Werks
Seiten 107-114
Ali Shahidi
Abstrakt Zhale Amouzgars Werk Von der Vergangenheit Irans stellt einen konzentrierten und zugleich tiefgründigen Beitrag zur iranischen Altertumskunde dar. Die Autorin vereint philologische Präzision mit kulturgeschichtlicher Reflexion und beleuchtet zentrale Aspekte der vorislamischen iranischen Identität – insbesondere durch die Analyse mittelpersischer Quellen und zoroastrischer Vorstellungen.
Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach dem Umgang mit Geschichte als Erinnerungskultur. Amouzgar plädiert gegen jede ideologische Homogenisierung der Vergangenheit und betont stattdessen deren Pluralität und Diskontinuitäten. Die Rekonstruktion der sasanidischen Religionspolitik oder die Deutung mythischer Königsherrschaft erfolgen stets im Lichte einer historisch variablen Selbstdeutung iranischer Gemeinschaften.
Besonders bemerkenswert ist ihr kulturhermeneutischer Zugang: Religiöse und politische Konzepte werden nicht isoliert behandelt, sondern in ihren symbolischen Verflechtungen interpretiert. So wird das altiranische Königtum als Ausdruck einer kosmologischen Ordnung verstanden, deren Legitimation aus der Einheit von Religion und Herrschaft hervorgeht.
Das Buch ist nicht nur eine Einführung in altiranisches Denken, sondern auch ein Beitrag zur gegenwärtigen Debatte über kulturelle Identität im Iran. Mit kritischer Schärfe und intellektueller Souveränität zeigt Amouzgar, wie historische Erinnerung produktiv gewendet werden kann – jenseits von Idealisierung und ideologischer Vereinnahmung.
