Universität der Islamischen Konfessionen, Teheran, Iran
Abstrakt
Die weitverbreitete und rapide Zerstörung der Umwelt stellt eine ernste Bedrohung für die Zukunft der Erde und das Leben aller Lebewesen dar. Religiöse Lehren können dabei helfen, unter den Gläubigen ein angemessenes Bewusstsein und eine verantwortungsvolle Haltung gegenüber der Umwelt zu fördern. Die islamisch-theologische Lehre vom „khalīfatullāh“ (Statthalter Gottes) ist eine stark anthropozentrische Vorstellung, nach der der Mensch als Stellvertreter Gottes auf Erden über allen anderen Geschöpfen steht. Er kann – ähnlich wie Gott – über die Welt und ihre Wesen herrschen, ohne sich zur Rechenschaft verpflichtet zu sehen. Im vorliegenden Beitrag wird anhand islamischer theologischer Quellen sowie unter Anwendung der Methoden der Inhaltsanalyse und Hermeneutik dargelegt, dass die Lehre vom khalīfatullāh keine Grundlage in den Hauptquellen des Islams – dem Koran und der Sunna – hat. Vielmehr ist diese Lehre unter dem Einfluss der politischen Interessen der Umayyaden und Abbasiden entstanden und weiterentwickelt worden. Nach und nach tauchte der Begriff khalīfatullāh in exegetischen, theologischen, historischen, philosophischen, juristischen, literarischen und mystischen Texten des Islams auf. Die dem Koran und der Sunna entsprechende Stellung des Menschen ist hingegen die des ʻabdullāh (Diener Gottes). Der Mensch in dieser Position betrachtet sich nicht als überlegen gegenüber anderen Geschöpfen, sondern begegnet der Natur mit Bescheidenheit und Menschlichkeit. Je stärker das Bewusstsein des Dienens gegenüber Gott ausgeprägt ist, desto respektvoller und demütiger ist der Mensch gegenüber der Schöpfung Gottes. Der ʻabdullāh bewahrt – im Gegensatz zum khalīfatullāh – die natürlichen und ökologischen Ressourcen.