Theologe und Professor für Islamwissenschaft an der École Pratique des Hautes Études in Paris
Abstrakt
Henry Corbin behandelt in seinem späten Text die geistige Krise des modernen Menschen als Folge eines veräußerlichten Monotheismus. Die westliche Säkularisierung und der Nihilismus seien Ausdruck einer inneren Entleerung des Gottesbegriffs. Statt einer Ablehnung des Glaubens fordert Corbin eine Rückbesinnung auf die mystische Tiefe des Monotheismus. Er unterscheidet zwischen einem exoterischen, dogmatischen Gottesbild und einem esoterischen, innerlich erfahrbaren Gott. Seine wichtigsten Bezugspunkte sind islamische Mystiker wie Ibn ʿArabi, Suhrawardi und Haydar Amoli. Der wahre Tawḥīd bedeutet keine numerische Einheit, sondern eine metaphysische Beziehung jenseits der Vergegenständlichung Gottes. Der Mensch spielt darin eine zentrale Rolle als Mittler zwischen göttlicher und irdischer Welt – als „spiritueller Ritter“. In einer esoterischen Ökumene erkennt Corbin die Legitimität vielfältiger religiöser Wege. Er warnt vor der Erstarrung des Glaubens in bloßen Dogmen ohne gelebte Erfahrung. Der Text ist eine konzentrierte Summe seines Denkens und ein Aufruf zur Erneuerung religiöser Tiefe.