Das Paradoxon des Monotheismus
Seiten 1-4
Henry Corbin
Abstrakt Henry Corbin behandelt in seinem späten Text die geistige Krise des modernen Menschen als Folge eines veräußerlichten Monotheismus. Die westliche Säkularisierung und der Nihilismus seien Ausdruck einer inneren Entleerung des Gottesbegriffs. Statt einer Ablehnung des Glaubens fordert Corbin eine Rückbesinnung auf die mystische Tiefe des Monotheismus. Er unterscheidet zwischen einem exoterischen, dogmatischen Gottesbild und einem esoterischen, innerlich erfahrbaren Gott. Seine wichtigsten Bezugspunkte sind islamische Mystiker wie Ibn ʿArabi, Suhrawardi und Haydar Amoli. Der wahre Tawḥīd bedeutet keine numerische Einheit, sondern eine metaphysische Beziehung jenseits der Vergegenständlichung Gottes. Der Mensch spielt darin eine zentrale Rolle als Mittler zwischen göttlicher und irdischer Welt – als „spiritueller Ritter“. In einer esoterischen Ökumene erkennt Corbin die Legitimität vielfältiger religiöser Wege. Er warnt vor der Erstarrung des Glaubens in bloßen Dogmen ohne gelebte Erfahrung. Der Text ist eine konzentrierte Summe seines Denkens und ein Aufruf zur Erneuerung religiöser Tiefe.
Der eine Gott und die vielen Götter- Das Paradoxon des Monotheismus
Seiten 5-38
Henry Corbin
Abstrakt Dieser Artikel untersucht grundlegend das Paradoxon des Monotheismus aus der Perspektive der islamischen Mystik. Unter Bezugnahme auf die Werke von Ibn Arabi und seinem bedeutenden Kommentator Haydar Amoli präsentiert Henry Corbin eine dreistufige Analyse der Entwicklung des monotheistischen Verständnisses. In der ersten Stufe verfällt der exoterische und konventionelle Monotheismus, der Gott als höchstes Wesen (Ens supremum) begreift, tatsächlich in die Falle der "metaphysischen Idolatrie". In der zweiten Stufe transzendiert der esoterische Monotheismus diese Begrenzung und entdeckt die "Einheit des Seins" (wahdat al-wujud), in dem Gott kein Wesen, sondern reines Sein und reine Tat selbst ist. Schließlich werden in der dritten Stufe durch die Etablierung einer "integralen Ontologie" Einheit und Vielheit in der göttlichen Sphäre versöhnt. Corbin vergleicht diesen gedanklichen Weg mit der neuplatonischen Philosophie des Proklos, die eine tiefe Harmonie zwischen dem einen Gott und den vielen göttlichen Manifestationen herstellt. Durch eine detaillierte Analyse der Diagramme von Haydar Amoli zeigt der Autor auf, wie diese Perspektive zu einem umfassenderen Verständnis des Verhältnisses zwischen ontologischer Einheit und scheinbarer Vielheit im Bereich der mystischen Theologie führen kann.
Die göttlichen Hierarchien-Das Paradoxon des Monotheismus
Seiten 39-72
Henry Corbin
Abstrakt Diese Arbeit untersucht das Konzept der göttlichen Hierarchien in der islamischen Mystik und vergleicht es mit der neuplatonischen Philosophie. Mit Fokus auf Suhrawardi und die ishraqi-Schule analysiert Corbin die Rolle der Engel und lichtvollen Hierarchien im kosmischen System. Die Studie zeigt, wie Suhrawardi zoroastrische Konzepte wie den Engel Bahman mit islamischer Philosophie verbindet, um ein System von Licht und Finsternis zu schaffen, in dem Engel als göttliche Vermittler wirken.
Corbin betont besonders die Rolle des "Heiligen Geist-Engels" als Mittler zwischen Menschen und der göttlichen Sphäre. Dieser Engel, vergleichbar mit Gabriel in der islamischen Tradition und dem Heiligen Geist im Christentum, leitet die spirituelle Reise der Menschen. Die Untersuchung umfasst vergleichende Analysen mit mormonischer Theologie und Samuel Butlers Schriften.
Ein wesentlicher Teil befasst sich mit der "königlichen Ordnung des Bahman-Lichtes", die Suhrawardi als Modell einer mystischen Gemeinschaft darstellt. Diese Ordnung spiegelt die Engelhierarchien in der menschlichen Gesellschaft wider und verbindet das Meister-Schüler-Verhältnis im Sufismus mit himmlischen Strukturen.
Die Perle aus der Muschel des Weltalls: Wolfram von Eschenbachs Parzival und der Orient
Seiten 73-108
roland pietsch
Abstrakt Der Artikel untersucht die tiefgreifenden Verbindungen zwischen Wolfram von Eschenbachs mittelalterlichem Epos Parzival und östlichen Traditionen, insbesondere der persischen und islamischen Mystik. Parzival ist ein Schlüsselwerk der abendländischen Literatur, das den Gral (als Stein, Kelch oder Becher) als Symbol geistiger Königsherrschaft und universalen Friedens einführt. Die Handlung folgt Parzivals Suche nach dem Gral, verknüpft mit Themen wie Rittertum, Erlösung und interreligiösem Dialog. Wolframs Werk zeigt Einflüsse aus altiranischen, gnostischen und islamischen Quellen, die mit christlicher Symbolik verschmelzen. Figuren wie Gahmuret (Parzivals Vater, ein christlicher Ritter im Dienst des Kalifen von Bagdad) und Feirefiz (sein halbheidnischer Bruder) verbinden Orient und Okzident. Der Gral symbolisiert göttliches Wissen, das nur durch spirituelle Erleuchtung erlangt werden kann – ein Motiv, das an sufische und zoroastrische Lehren erinnert. Der Artikel analysiert auch das Lied von der Perle, einen iranisch-gnostischen Text, der Parzivals Weg spiegelt. Letztlich transzendiert Wolframs Epos religiöse Grenzen und verweist auf eine universelle „Urüberlieferung“.
Vladimir Sergeevič Solov’ev und seine Stellung zum Islam
Seiten 149-184
roland pietsch
Abstrakt Der Artikel untersucht Vladimir Solov’evs philosophische und theologische Auseinandersetzung mit dem Islam, geprägt durch sein Konzept der „All-Einheit“ (vseedinstvo). In Drei Kräfte (1877) kritisiert Solov’ev den Islam als starres System, das individuelle Freiheit unterdrücke, und kontrastiert ihn mit westlichem Individualismus und slawischer Spiritualität. Später in Mohammed: Sein Leben und seine Lehre (1896) würdigt er den Propheten und den islamischen Monotheismus, bemängelt aber das Fehlen progressiver Ideale. Solov’evs mystische Sophia-Visionen, die seine Idee einer übergreifenden „Religion des Heiligen Geistes“ prägten, werden als Schlüssel zum Verständnis seines inklusiven, aber unvollendeten Universalismus hervorgehoben. Trotz seiner christlich-eschatologischen Schwerpunkte deutet sein Schweigen zum Islam in Drei Gespräche über den Antichrist auf eine implizite Anerkennung seiner spirituellen Rolle hin.
Von Balkh bis Ṭanǧa – Geschichte und Geschichten von Adaption und Akkulturation (8.–12. Jahrhundert)
Seiten 185-187
https://doi.org/10.22034/spektrum.2020.225766
Gabriele Dold-Ghadar
Abstrakt Der Artikel untersucht die Dynamiken von Migration und kulturellem Austausch zwischen dem Osten (insbesondere Iran) und dem Westen (mit Fokus auf Al-Andalus) vom 8. bis 12. Jahrhundert. Er hinterfragt das vereinfachende Motto „Migration bereichert“ und analysiert komplexe Akkulturationsprozesse, bei denen nicht alle übertragenen Elemente angenommen oder bewahrt wurden. Im Mittelpunkt stehen Händler, Gelehrte und Handwerker als Vermittler kultureller Einflüsse, darunter persische Spuren in Religion, Architektur (z.B. sassanidische Motive im Löwenhof der Alhambra), Dichtung und Medizin. Thematische Schwerpunkte umfassen die jüdisch-persische Diaspora, die Adaptation sassanidischer Kunst in Andalusien und persische Lehnwörter im Spanischen. Die Studie zeigt, dass Kulturaustausch oft zufällig – geprägt durch Handel, Eroberungen und Gelehrtennetzwerke – stattfand, nicht durch gezielte Politik.
