ProfessoProfessorin für Indologie und Iranistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.rin für Indologie und Iranistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Abstrakt
In den letzten zwanzig Jahren haben zahlreiche Studien den Einfluss der Landschaft auf die Sprache einerseits und die Interpretation geografischer Merkmale als Ausdruck von Mythologie und Geschichte andererseits untersucht. Obwohl die Zuweisung kultureller Merkmale an die natürliche Umwelt oft archaisch erscheint, bietet der Blick auf traditionelle Gesellschaften und deren Beziehung zur sie umgebenden Landschaft nicht nur Einblicke in eine bestimmte Kultur, sondern kann uns auch Anregungen für einen ausgewogeneren und ökologisch nachhaltigeren Umgang in Zeiten des globalen Klimawandels und der Umweltzerstörung geben. Abgesehen von ihrem wirtschaftlichen Wert wird die Natur heute meist als ästhetischer Kontrast zur Zivilisation und Urbanisierung erlebt. In Nuristan, einer Region in Afghanistan, existiert ein solcher Gegensatz zwischen Natur und menschlicher Gesellschaft nicht. Die Landschaft spricht auf zwei Arten. Einerseits kann sie selbst als Chronik des Landes „gelesen“ werden. So wie innerhalb der menschlichen Gesellschaft Grenzen durch Ethnizität, Geschlecht, Abstammung und soziale Hierarchie gezogen werden, werden auch Götter und andere übermenschliche Wesen bestimmten Gebieten zugewiesen. Flüsse und Berge sind für Menschen nur bedingt zugänglich und nutzbar; sie sind göttlich oder Monumente göttlichen Handelns. Andererseits hat die natürliche Umwelt die Struktur der Nuristani-Sprachen so stark geprägt, dass ein Sprecher einer Nuristani-Sprache kaum vermeiden kann, bei einer Äußerung immer gleichzeitig die „Landschaft mit auszudrücken“.