Dieser Beitrag untersucht den Zugang von Hafez zum Problem moralischer Urteile anhand gegenwärtiger ethischer Begrifflichkeiten. Es wird gezeigt, dass Hafez’ Verse eine moralische Perspektive innerhalb der normativen Ethik bestätigen, die als tugendethischer Ansatz identifiziert werden kann. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zum Deontologismus und zum Konsequentialismus und betont Tugenden bzw. den moralischen Charakter. Bei moralischen Urteilen sollte man sich theoretisch auf den Charakter statt auf Regeln, Pflichten oder Handlungskonsequenzen stützen. Der Beitrag legt dar, dass der tugendethische Ansatz von Hafez moralisches Urteilen an sich praktisch unmöglich oder zumindest äußerst schwierig macht – und moralisches Urteilen aus mindestens drei Gründen vermeidet: a) Das Problem moralischer Urteile ist eine erkenntnistheoretische Lücke; b) Das Ziel der Moral besteht im richtigen Handeln, was moralischen Urteilen entgegensteht. Daher ist gemäß Hafez die Selbstreinigung der Aufforderung an andere vorzuziehen; c) Das menschliche Leben steht vollständig unter der Herrschaft des Schicksals.