Der Friedhof Ğannat al-Baqīʻ in Medina gehört zu den bedeutendsten Orten in der religiösen Geografie der Muslime. Zugleich ist er ein Schauplatz anhaltender Auseinandersetzungen um konkurrierende Deutungen, insbesondere zwischen der saudisch-wahhabitischen Allianz auf der einen Seite und schiitischen sowie sunnitischen Muslimen auf der anderen. Der Friedhof, auf dem sich zahlreiche für Muslime äußerst wichtige Grabstätten befinden, wurde in der Vergangenheit zweimal von der saudischen Regierung zerstört. Dieser Beitrag argumentiert, dass das Motiv für dieses Vorgehen räumlicher Natur ist – und dass der Islam grundsätzlich als eine räumliche Religion gelesen werden sollte. Eine solche Lesart des Islam verdeutlicht die Verbindung zwischen Raum, Identität und Erinnerung. Aufbauend auf Theorien von Gilles Deleuze und Félix Guattari lassen sich drei sich überschneidende Prozesse im Baqīʻ beobachten: Räumlichmachung, Ent-Räumlichung und Neu-Räumlichung. Räumlichmachung bezeichnet die Entstehung und Ausweitung des Friedhofs sowie die jahrhundertelange Errichtung und Renovierung von Grabstätten. Ent-Räumlichung verweist auf die wiederholte Zerstörung dieser Stätten; und Neu-Räumlichung zeigt sich besonders deutlich in der heutigen strikten Kontrolle der räumlichen Anordnungen und Praktiken durch die saudisch-wahhabitischen Autoritäten. Die saudisch-wahhabitischen Akteure entfernten Zeichen und Symbole nicht nur, um den Friedhof seiner traditionellen Bedeutung zu entleeren, sondern um ihm eine neue, alternative Bedeutung zu verleihen.