Spektrum Iran
Volumen und Ausgabe: Volumen 32, Ausgabe 2, September 2019, Seiten 1-168 
Philosophy and Theology

Iranischer Philosoph aus der Sicht eines deutschen Gnostikers

Seiten 1-20

Ghasem Kakaie

Abstrakt Ibn Sīnā war einer der einflussreichsten Denker des Mittelalters in der Geschichte der islamischen Philosophie. Seine große Leistung bestand darin, das „Seiende“ bzw. das „Sein“ zum Gegenstand der Philosophie zu machen und damit ein solides, geometrisch aufgebautes philosophisches System zu begründen. In der islamischen Welt wurde er nicht nur von den maschschāʼī (peripatetischen) Philosophen als „Šeich ar-Raʼīs“ bezeichnet und nachgeahmt, sondern auch in der Theologie wurde er von Ḫāǧe Naṣīr ad-Dīn Ṭūsī rezipiert. Ḫāǧe etablierte die Kalām-Wissenschaft (islamische scholastische Theologie) unter Verwendung von Argumenten zum Sein und Seienden, sodass spätere Theologen seinem Beispiel folgten. Auch die Schüler der Schule Ibn ʻArabīs nahmen Ibn Sīnās Methode zur Begründung einer theoretischen Mystik auf – etwas, das es im Bereich der Mystik zuvor noch nicht gegeben hatte. Dieser Artikel zeigt zudem, dass Ibn Sīnās Einfluss auch in der christlichen Welt sichtbar wurde. Nach der Übersetzung seiner Werke ins Lateinische wandten sich bedeutende Philosophen und Theologen wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin seinen Gedanken zu. Der Fokus der vorliegenden Untersuchung liegt auf dem Einfluss Ibn Sīnās auf Meister Eckhart. Im Gegensatz zu früheren Philosophen und sogar manchen muslimischen Gelehrten bietet Eckhart eine mystische Lesart von Ibn Sīnā. Viele seiner Auffassungen über das Sein in der Mystik leitet er unter direkter Bezugnahme auf Ibn Sīnās Werke ab.

Philosophy and Theology

Die Weisheit der Erleuchtung - Über die Lichtmetaphysik von Šihāb al-Dīn Yaḥya al-Suhrawardī und ihre weitreichenden Zusammenhänge

Seiten 21-44

roland pietsch

Abstrakt Im Kontext der islamischen Illumination und Metaphysik insgesamt stellt die Lichtmetaphysik des iranischen Mystikers und Philosophen Šihāb ad-dīn Yaḥyā Suhrawardī (1154–1209) zweifellos einen bedeutenden Höhepunkt dar. Nach einem kurzen Überblick über Suhrawardīs Leben und Werke skizziert dieser Beitrag die zentralen Elemente seiner mystisch-metaphysischen Illuminationstheorie. Zunächst wird deutlich gemacht, dass der Ausgangspunkt und die Grundlage von Suhrawardīs Metaphysik der Koran ist. In einem ersten Schritt erfolgt eine knappe Darstellung der Lichterklassifikation. In einem zweiten Schritt werden die einzelnen Stufen und Ordnungen der Manifestationen und Zeichen des göttlichen Lichts beschrieben. Anschließend werden Suhrawardīs Ansichten über die Lichter sowie die Stufen des mystischen Pfades zum göttlichen Licht erläutert. Dabei werden auch die Haltung der altiranischen Religion und die von Suhrawardī erwähnte platonisch-plotinische Philosophie berücksichtigt.

Persian Literature

Ein Überblick über die rhetorischen Figuren und Tropen in der persischen und deutschen Sprache und Literatur

Seiten 45-66

Habib Kamali Rousta

Abstrakt Rhetorische Figuren und Tropen finden sich in der Sprache und Literatur aller Völker. Je nach Einstellung und Geschmack der jeweiligen Gesellschaften werden diese Techniken mehr oder weniger intensiv verwendet. Solche rhetorischen Mittel, einschließlich der Tropen, dienen der Klarheit, Nachdrücklichkeit, Abwechslung und sprachlichen Schönheit. Die Vertrautheit mit diesen Figuren und Tropen ist für das genaue Verständnis der Aussageabsicht unerlässlich. Sie sind nicht nur notwendig, um literarische Texte zu genießen, sondern auch unvermeidlich, wenn man sich mit ihrer Analyse beschäftigt. In diesem Beitrag werden rhetorische Figuren und Tropen in der persischen und deutschen Sprache und Literatur anhand von Beispielen vorgestellt, jeweils zusammen mit ihrer Entsprechung in der anderen Sprache und Literatur. Darüber hinaus werden alle Elemente kurz erklärt, analysiert und aus den Perspektiven der Rhetorik, Poetik und Stilistik betrachtet. Obwohl sowohl die persische als auch die deutsche Rhetorik auf die Rhetorik der altgriechischen Sprache zurückgehen, unterscheiden sie sich in der Art und Weise, wie sie die Figuren und Tropen klassifizieren.

Social Studies

Gastfreundschaftskultur und diplomatische Rituale im Iran zur Zeit der Ṣafavīden Nach europäischen Reiseberichten im 15. bis 18. Jahrhundert

Seiten 67-96

Ali Shahidi, Kosar Habibi

Abstrakt Aus der iranischen Gastfreundschaftskultur der safawidischen Epoche entwickelte sich eine höfische Etikette, die die Grundlage für das diplomatische Protokoll des Safawidenreichs bildete. Die Einzelheiten dieses Protokolls und der Etikette sind jedoch – möglicherweise aufgrund ihrer Vertrautheit oder vermeintlichen Unwichtigkeit in den Augen der iranischen Bevölkerung – in den persischen historischen Quellen nur spärlich dokumentiert. Vielmehr lassen sie sich in nichtiranischen Quellen, insbesondere in den europäischen Reiseberichten des 15. bis 18. Jahrhunderts, auffinden, deren Verfasser mit den iranischen Förmlichkeiten nicht vertraut waren und diese daher detailliert niederschrieben. Im vorliegenden Beitrag wurde versucht, diese Protokollregeln und Etikette auf Grundlage europäischer Reiseliteratur zu sammeln und systematisch darzustellen. Dabei werden verschiedene Aspekte dieser höfischen Förmlichkeit behandelt, darunter der Zeitpunkt von Ein- und Ausreise diplomatischer Gesandtschaften, Datum und Ort des königlichen Empfangs, Rangordnung und Empfang ausländischer Delegationen, die Art der Huldigung gegenüber dem Schah, Sitzordnung, Übergabe und Annahme königlicher Geschenke sowie das Einholen einer Ausreisegenehmigung durch königliches Dekret. Diese Elemente des diplomatischen Protokolls in der safawidischen Zeit unterscheiden sich wesentlich von den Praktiken früherer Epochen. Die Ausgestaltung dieses Protokolls führte auch zur Entstehung bestimmter Ämter und Titel wie Mihmāndār und Mihmāndār-bāschī, deren Träger verpflichtet waren, ausländische Gäste und diplomatische Delegationen von ihrer Ankunft bis zur Abreise mit größtem Respekt und höchster Gastfreundschaft zu betreuen.

Persian Literature

Die Eigenschaft der Liebe nach der Ansicht Richard Rolles mit der Berücksichtigung des Buches Sawāniḥ al-̕ušāq

Seiten 97-112

Zohre Hemmat, Fatemeh Lajevardi

Abstrakt Diese Studie vergleicht die Ansichten von Richard Rolle (ca. 1300–1349), einem englischen Eremiten, Mystiker, Schriftsteller und Bibelinterpreten, und Aḥmad Ḡazālī (ca. 1060–1126), einem iranischen Mystiker, Autor und Prediger, über die Liebe. Beide Mystiker haben ihre mystischen Erfahrungen in ihren Werken Fire of Love und Sawāniḥ al-ʻušāq ausführlich dargestellt. Themen zur Liebe in diesen beiden Schriften umfassen unter anderem das Wesen der Liebe, den/die Geliebte(n), Merkmale des Liebenden, Voraussetzungen der Liebe sowie deren Auswirkungen. Die erneute Betrachtung dieser Kategorien zeigt sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten in ihren Auffassungen von Liebe. Die Ansichten von Rolle und Ḡazālī überschneiden sich im Hinblick auf das Wesen der Liebe, unterscheiden sich jedoch in anderen Aspekten deutlich. Aus Rolles Sicht kann Liebe nur im religiösen Kontext und innerhalb christlicher Ethik verwirklicht werden und erhält ihren Sinn ausschließlich in Beziehung zu Gott, Christus und der Trinität. Demgegenüber weist die Konzeption bei Ḡazālī eine stärkere ontologische und psychologische Tiefe auf, wobei Liebe sowohl in Beziehung zu Gott als auch zu seinen Geschöpfen erfahrbar ist. Die vorliegende Untersuchung widmet sich insbesondere einem detaillierten Vergleich ihrer Auffassungen über das Wesen der Liebe.

History of Iran

Die Untersuchung von Damāwand in den geografischen Texten und islamisch-historischen Landkarten

Seiten 133-142

Fatemeh Faridimajid, Tahmores Sajedi Saba

Abstrakt Der Berg Damāvand, als nationales Symbol Irans, hat eine tiefgreifende historische Bedeutung im Glauben der Perser sowie in archäologischen, geografischen und historischen Funden und Texten. Dieses nationale Symbol war keineswegs nur eine geografische Erscheinung, sondern auch die Quelle bedeutender Mythen, die sich um seine Hänge ranken. Obwohl bereits zahlreiche Studien zu Namen, Mythologie, Geschichte, Geologie und Geografie von Damāvand durchgeführt wurden, ist die Verortung des Berges in historischen Karten und geografischen Texten bislang nicht umfassend untersucht worden. Die vorliegende Studie versucht mittels historisch-deskriptiver Forschungsmethoden den Standort des Damāvand zu bestimmen. Dabei zeigt sich, dass Perser und Muslime den Berg Damāvand in ihren historischen Karten und geografischen Schriften korrekt als höchsten Berg Irans eingezeichnet und mit mythologischen sowie ehrwürdigen Vorstellungen verbunden haben. Zwar kam es in einigen wenigen Fällen zu Fehleinordnungen, doch die außergewöhnliche Größe des Damāvand und seine Unterscheidung von der gleichnamigen Region wurden in den historischen Quellen immer wieder hervorgehoben.

Philosophy and Theology

Überprüfung der Lehre des Gottes Kalifen in Anbetracht des Umweltschutzes

Seiten 143-168

Masoud Shavarani

Abstrakt Die weitverbreitete und rapide Zerstörung der Umwelt stellt eine ernste Bedrohung für die Zukunft der Erde und das Leben aller Lebewesen dar. Religiöse Lehren können dabei helfen, unter den Gläubigen ein angemessenes Bewusstsein und eine verantwortungsvolle Haltung gegenüber der Umwelt zu fördern. Die islamisch-theologische Lehre vom „khalīfatullāh“ (Statthalter Gottes) ist eine stark anthropozentrische Vorstellung, nach der der Mensch als Stellvertreter Gottes auf Erden über allen anderen Geschöpfen steht. Er kann – ähnlich wie Gott – über die Welt und ihre Wesen herrschen, ohne sich zur Rechenschaft verpflichtet zu sehen. Im vorliegenden Beitrag wird anhand islamischer theologischer Quellen sowie unter Anwendung der Methoden der Inhaltsanalyse und Hermeneutik dargelegt, dass die Lehre vom khalīfatullāh keine Grundlage in den Hauptquellen des Islams – dem Koran und der Sunna – hat. Vielmehr ist diese Lehre unter dem Einfluss der politischen Interessen der Umayyaden und Abbasiden entstanden und weiterentwickelt worden. Nach und nach tauchte der Begriff khalīfatullāh in exegetischen, theologischen, historischen, philosophischen, juristischen, literarischen und mystischen Texten des Islams auf. Die dem Koran und der Sunna entsprechende Stellung des Menschen ist hingegen die des ʻabdullāh (Diener Gottes). Der Mensch in dieser Position betrachtet sich nicht als überlegen gegenüber anderen Geschöpfen, sondern begegnet der Natur mit Bescheidenheit und Menschlichkeit. Je stärker das Bewusstsein des Dienens gegenüber Gott ausgeprägt ist, desto respektvoller und demütiger ist der Mensch gegenüber der Schöpfung Gottes. Der ʻabdullāh bewahrt – im Gegensatz zum khalīfatullāh – die natürlichen und ökologischen Ressourcen.