Spektrum Iran
Volumen und Ausgabe: Volumen 39, Ausgabe 1, Januar 2026, Seiten 1-383 

Der politische Körper unter dem Skalpell: Eine kritische Bewertung medizinisch-politischer Metaphern im politischen Diskurs Irans

Seiten 9-41

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.574837.1062

Mohsen Karami

Abstrakt Politische Metaphern sind weit mehr als rhetorische Stilmittel; sie fungieren als kognitive Instrumente, die Wahrnehmung strukturieren, Urteilsbildung prägen und kollektives Handeln orientieren. Medizinisch-politische Metaphern nehmen dabei eine herausragende Stellung ein, da sie auf kulturell autorisierte Konzepte wie Gesundheit, Krankheit, Diagnose und Therapie zurückgreifen, um politische Wirklichkeiten zu deuten. Der Beitrag untersucht aus philosophischer Perspektive die erkenntnistheoretischen, ethischen und gesellschaftlich-politischen Implikationen dieser Metaphern. Unter Rückgriff auf die Theorie der konzeptuellen Metapher, die Kritische Diskursanalyse, die Diskursethik und Theorien epistemischer Ungerechtigkeit wird gezeigt, dass medizinisierte politische Sprache politische Verständigungsprozesse anhand biologisch abgeleiteter Deutungsschemata neu organisiert. Die Untersuchung rekonstruiert die konzeptuelle Architektur von fünf wiederkehrenden medizinisch-politischen Metaphern und zeigt, wie politische Akteure, Institutionen und Konflikte auf medizinische Kategorien wie Pathologie, Infektion, chirurgischen Eingriff und Krebs abgebildet werden. Diese Übertragungen vereinfachen komplexe politische Phänomene, erzeugen Kategorienfehler, verschleiern Handlungsmacht und strukturelle Kausalität, verengen den Interpretationshorizont, begünstigen affektive Abkürzungen und übertragen die Autorität wissenschaftlichen Wissens unzulässig auf Bereiche normativer Kontroversen und politischer Kontingenz. Darüber hinaus können sie Entmenschlichung fördern, wechselseitige Anerkennung untergraben, epistemische Ungerechtigkeit begünstigen, exkludierende Praktiken legitimieren und antagonistische Identitäten sowie außergewöhnliche Formen des Regierens normalisieren. Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass medizinisch-politische Metaphern keine neutralen Instrumente politischer Kommunikation sind. Indem sie politische Meinungsverschiedenheiten als pathologische Erscheinungen konstruieren, verändern sie die epistemischen und moralischen Bedingungen demokratischer Urteilsbildung, öffentlicher Deliberation und politischen Pluralismus. Eine kritische Analyse dieser Metaphern ist daher unverzichtbar, um das Verhältnis von Sprache, Macht und demokratischem Leben zu verstehen.

Art, Architecture, and Visual Culture

Neubetrachtung der Spiritualität in der iranischen Architektur durch Mullā Ṣadrās transzendentale Philosophie und das vierstufige Erkenntnismodell

Seiten 43-83

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.520432.1032

Khosro Sahaf, Navid Jalaeian Ghane, Alireza Jalaeian Ghane

Abstrakt Die iranische Architektur hat sich im Laufe der Geschichte in enger Verbindung mit Spiritualität entwickelt. Diese Verbindung zeigt sich nicht nur in ihren räumlichen Strukturen, sondern auch in ihren philosophischen Grundlagen. Ziel dieser Studie ist es, die spirituellen Dimensionen der iranischen Architektur auf der Grundlage der Transzendentalen Philosophie Mullā Ṣadrās und des Vierstufigen Erkenntnismodells zu untersuchen. Die Untersuchung folgt einem qualitativen, logisch-interpretativen Forschungsansatz und stützt sich auf Quellen der iranisch-islamischen Weisheitstradition sowie auf die Analyse ausgewählter Beispiele traditioneller iranischer Architektur, insbesondere der Scheich-Lotfollāh-Moschee. Die theoretische Grundlage bildet die Transzendentale Philosophie (al-Hikma al-Mutaʿāliyya), die auf den Prinzipien der Ursprünglichkeit des Seins (Aṣālat al-Wuǧūd), der Abstufung des Seins (Taškīk al-Wuǧūd) und der substanziellen Bewegung (al-Haraka al-Ǧawhariyya) beruht. Aus dieser Perspektive wird Architektur nicht lediglich als materielles Objekt verstanden, sondern als ein existenzielles Phänomen, das geistige und philosophische Bedeutungen verkörpert. Das Vierstufige Erkenntnismodell mit seinen Ebenen Begriffe, Grundlagen, Muster und Manifestationen ermöglicht die Analyse der Bewegung von innerer Bedeutung zu äußerer Form und umgekehrt. Die Ergebnisse zeigen, dass die iranische Architektur über funktionale und ästhetische Aspekte hinaus eine mystische und ontologische Erfahrung des Raumes ermöglicht. Die Prinzipien der Transzendentalen Philosophie Mullā Ṣadrās sowie das Vierstufige Erkenntnismodell bieten daher einen geeigneten theoretischen und methodischen Rahmen zur Interpretation und Wiederbelebung spiritueller Dimensionen in der zeitgenössischen Architektur.

Art, Architecture, and Visual Culture

Die Geopolitik der modernen Architektur im Iran: Die Rolle schwedischer Ingenieurfirmen während der Ära Reza Schah Pahlavis

Seiten 85-120

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.551240.1039

Mahdi Motamedmanesh, Sadaf Vahidi

Abstrakt Diese Studie untersucht die Rolle schwedischer Ingenieurfirmen bei der architektonischen Modernisierung Irans während der ersten Pahlavi-Ära und betrachtet Infrastruktur als ein bislang unzureichend erforschtes Instrument der Staatsbildung, nationalen Integration und geopolitischen Selbstbehauptung. Während der Beitrag bedeutender europäischer Ingenieurbüros zur Pahlavi-Modernisierung anerkannt ist, blieb die Rolle skandinavischer Unternehmen weitgehend unbeachtet. Die Forschung schließt diese Lücke durch die Analyse der technischen, konzeptionellen und kulturellen Dimensionen des schwedischen Engagements anhand der Weißen Brücke von Ahvaz und der Ghazian–Mian-Poshteh-Brücke. Auf Grundlage einer deskriptiv-analytischen Methodik sowie von Archivmaterialien, historischen Dokumenten, architektonischen Aufzeichnungen und Felduntersuchungen wird gezeigt, wie schwedische Akteure den Transfer modernistischer Ideen ermöglichten, räumliche Strukturen veränderten und die iranische Baukultur beeinflussten. Die Ergebnisse zeigen, dass ihre Rolle über die eines technischen Auftragnehmers hinausging. Durch die Einführung neuer Materialien wie Stahlbeton und Stahl sowie innovativer beweglicher Brückentechnologien trugen ihre Projekte zur technologischen Modernisierung bei und wurden zugleich zu Symbolen staatlicher Autorität und nationaler Modernisierungsbestrebungen. Darüber hinaus fungierten schwedische Unternehmen als kulturelle Vermittler internationaler Architekturmodelle und wirkten an einer Form der „Architekturdiplomatie“ mit. Die Studie leistet somit einen Beitrag zur transnationalen Architekturgeschichte, zum Technologietransfer und zur Geopolitik der Infrastruktur.

Religion, Society, and Cultural Identity

Transformation of cultural rituals in contemporary Iran: The role of Instagram in reshaping the celebration of traditional occasions

Seiten 121-158

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.593273.1078

Javad Maddahi Meshizi

Abstrakt The expansion of social media, particularly Instagram, has played a significant role in transforming the ways cultural rituals are experienced and represented in contemporary Iran. This study aims to elucidate the role of Instagram in the transformation of traditional rituals and to examine the impact of this platform’s media logic on the form, meaning, and modes of enactment of cultural occasions. The study was conducted using a qualitative approach, and its data were collected through semi-structured interviews with active Instagram users who participated in this research. Purposive sampling was employed, and data collection continued until theoretical saturation was reached, which was ultimately achieved after 15 interviews. The data were analyzed using thematic analysis based on the Braun and Clarke approach. The findings indicate that Instagram, as an active cultural intermediary, has contributed to the mediatization of rituals, the aestheticization of ceremonial practices, shifts in patterns of social participation, the individualization of ritual experience, transformations in symbolic meanings, and the strengthening of influencers’ roles in redefining the ways rituals are performed. The results suggest that traditional rituals have moved beyond exclusively place-bound and collective frameworks and, within the context of the network society, have been transformed into visual, performative, and to some extent individualized experiences. In this process, rituals are not merely represented but are also reconfigured through interaction with Instagram’s image-driven logic. Based on the findings, a form of “digital rituality” has emerged within the context of contemporary Iranian culture, in which traditional elements have become intertwined with new media mechanisms. This study demonstrates that understanding cultural transformations and the redefinition of identity in contemporary Iranian society is not possible without considering the role of digital platforms.

Religion, Society, and Cultural Identity

Semantische souveränität in großen Sprachmodellen: Prüfung persianischer und schiitischer Bedeutungen über Sprachgrenzen hinweg

Seiten 159-190

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.587146.1069

Hamed Zarabi, Aysheh Mohammadzadeh

Abstrakt Große Sprachmodelle übersetzen, verdichten und erläutern zunehmend Traditionen, deren historische Träger oder Erben sie nicht sind. Diese Studie entwickelt semantische Souveränität als Rahmen, um zu prüfen, ob multilinguale Modelle persianische und schiitische Bedeutungen bewahren oder in dominante anglophone Interpretationsordnungen verlagern. Ein begrenztes, sprachübergreifendes Mixed-Methods-Audit untersuchte 120 gezielt ausgewählte Einheiten aus Rumi, Hafis, Ferdowsi und der schiitischen Hermeneutik. Vier während der Expertenbewertung verblindete Modellsysteme wurden unter vier Bedingungen getestet: nur Persisch, nur Englisch, kultureller Kontext und Expertenkontext. Jeder Prompt wurde zweimal ausgeführt, wodurch 3.840 Ausgaben entstanden. Ein dreiköpfiges Fachgremium verwendete eine Skala der semantischen Bewahrung von 0 bis 4 sowie eine mehrdimensionale Fehlertaxonomie; die sich gegenseitig ausschließenden Prozentwerte fassen den jeweils adjudizierten dominanten Fehler zusammen. Über 16 Modell-Domänen-Zellen betrug der Mittelwert 2,53 von 4,00 Punkten (SD = 0,38). Rumi wurde häufig zu globaler, psychologisierter Spiritualität verengt, Hafis übermäßig vereindeutigt, Ferdowsi in moderne Führungssprache entpolitisiert und schiitische Begriffe auf allgemeines religiöses Vokabular reduziert. Expertenkontext erzeugte die höchsten deskriptiven Mittelwerte, doch semantische Verschiebung blieb bestehen. Da Produktidentitäten, genaue Zugriffsdaten, vollständige Rohprotokolle und Bewertungen auf Ausgabenebene nicht aufbewahrt wurden, ist die Analyse deskriptiv und begrenzt; sie beansprucht weder statistische Inferenz noch produktspezifische Reproduzierbarkeit. Multilinguale KI sollte daher nicht nur nach sprachlicher Leistung oder kultureller Verzerrung, sondern auch nach hermeneutischer Verantwortlichkeit beurteilt werden: nach der Bewahrung von Metapher, Doktrin, Mehrdeutigkeit, Register, Autorität und zivilisatorischem Gedächtnis. Die Studie bietet damit einen kultursensiblen Audit-Rahmen zur Erkennung subtiler Bedeutungsverluste zwischen Sprachen.

Political, Legal, and Global Studies

Menschenwürde und humanitäres Recht im islamischen Denken

Seiten 191-223

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.590465.1070

Ali Akbar Alikhani, Mahnaz Shahalizade

Abstrakt Die Menschenwürde bildet ein grundlegendes Prinzip des islamischen Denkens und einen normativen Rahmen für humanitäre Prinzipien in bewaffneten Konflikten. Obwohl das internationale humanitäre Völkerrecht umfassend erforscht wurde, ist die Verbindung zwischen Menschenwürde und humanitären Normen innerhalb der islamischen Denktradition bislang nicht systematisch untersucht worden. Diese Studie analysiert die konzeptionellen Grundlagen der Menschenwürde, identifiziert zentrale humanitäre Normen in islamischen Quellen und untersucht ihre gegenseitige Beziehung. Methodisch verwendet die Untersuchung eine qualitative Inhaltsanalyse und eine historische Analyse des Korans, der prophetischen Sunna, Nahdsch al-Balāghas sowie ausgewählter historischer Quellen, um normative und historische Dimensionen humanitären Handelns herauszuarbeiten. Die analytischen Kategorien wurden induktiv aus den untersuchten Texten entwickelt. Die Ergebnisse zeigen, dass Menschenwürde im Islam als inhärente und universelle Eigenschaft aller Menschen verstanden wird, unabhängig von Religion, Ethnie oder politischer Zugehörigkeit. Dieses Verständnis bildet die Grundlage für humanitäre Prinzipien wie die Bevorzugung friedlicher Konfliktlösungen, das Verbot der Aggression, den Schutz von Zivilpersonen, die Achtung von Verwundeten, Kriegsgefangenen und Personen außerhalb der Kampfhandlungen (hors de combat) sowie das Verbot von Verrat und Verstümmelung. Diese Prinzipien gelten sowohl für innerstaatliche als auch internationale bewaffnete Konflikte und sind nicht auf Beziehungen zwischen Muslimen beschränkt. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Menschenwürde im islamischen Denken eine philosophische und normative Grundlage humanitären Rechts darstellt und eine wichtige Grundlage für den Dialog mit dem modernen internationalen humanitären Völkerrecht bietet.

Intensive kulturelle Assimilation in der iranischen Diaspora: Eine soziologische Erklärung

Seiten 225-252

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.590499.1071

Reza Gholami

Abstrakt Migration bedeutet weit mehr als eine bloße geografische Verlagerung. Sie ist ein vielschichtiger sozialer Prozess, in dem Identitäten neu ausgehandelt und soziale Beziehungen neu gestaltet werden. Der vorliegende theoretische Beitrag untersucht die Tendenz zu einer intensiven kulturellen Assimilation in Teilen der iranischen Diaspora aus soziologischer Perspektive. Ziel ist es, reduktionistische und normative Deutungen zu überwinden und stattdessen ein mehrstufiges Erklärungsmodell für dieses Phänomen zu entwickeln. Die Studie ist als theoretischer Beitrag (Conceptual Paper) angelegt und basiert auf einer systematischen Literaturauswertung sowie einer konzeptionellen Analyse. Hierzu wurden klassische und aktuelle Arbeiten aus der Migrationssoziologie, den Diasporastudien, den Theorien kultureller Anpassung, der Statustheorie, der Theorie des symbolischen Kapitals sowie der Medienforschung kritisch ausgewertet. Die zentralen Konzepte wurden identifiziert und auf drei analytischen Ebenen strukturiert: migrationsvorgelagerte Kontextfaktoren, vermittelnde Mechanismen nach der Migration sowie status- und identitätsbezogene Folgen. Die Ergebnisse zeigen, dass intensive kulturelle Assimilation weder ausschließlich als Verlust kultureller Identität noch als Ausdruck individueller Präferenzen verstanden werden kann. Vielmehr entsteht sie aus dem Zusammenspiel historischer, kultureller, medialer und statusbezogener Faktoren. Kulturelle Prägungen vor der Migration, transnationale Mediendarstellungen, strukturelle Brüche, Statusdruck in der Aufnahmegesellschaft sowie das Bestreben, symbolisches Kapital in transnationalen sozialen Feldern anzusammeln, greifen in einer kausal-interaktiven Dynamik ineinander. Intensive kulturelle Assimilation stellt somit eine von mehreren möglichen Strategien kultureller Anpassung innerhalb der iranischen Diaspora dar. Die Analyse macht deutlich, dass intensive kulturelle Assimilation weder Ausdruck vollständiger Passivität noch mangelnder Handlungsfähigkeit ist. Vielmehr handelt es sich um eine positionsbezogen rationale Strategie, die darauf abzielt, positive soziale Distinktion zu erreichen und symbolisches Kapital in transnationalen sozialen Feldern zu akkumulieren. Gleichzeitig lassen sich innerhalb der iranischen Diaspora auch hybride, mehrschichtige und transnationale Identitätsformen beobachten. Ein angemessenes Verständnis dieses Phänomens setzt daher voraus, soziale Strukturen, individuelle Erfahrungen und die statusbezogenen Kalkulationen sozialer Akteure gleichermaßen zu berücksichtigen.

Über den Einfluss des persischen Philosophen Avicenna (Ibn Sīnā) auf Meister Eckharts Metaphysik

Seiten 253-268

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.542074.1038

Roland Pietsch

Abstrakt Diese Arbeit untersucht den Einfluss des persischen Philosophen Avicenna (Ibn Sīnā) auf die Metaphysik Meister Eckharts, insbesondere auf seine Seinslehre. Seit dem 11. Jahrhundert wurden zahlreiche philosophische Werke islamischer Gelehrter aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt, wodurch die mittelalterliche europäische Philosophie tiefgreifend geprägt wurde. Avicennas Metaphysik (Kitāb al-Šifāʾ) spielte dabei eine zentrale Rolle und wurde im 12. Jahrhundert in Toledo ins Lateinische übertragen. Seine Gedanken wurden später von bedeutenden Denkern wie Albertus Magnus, Thomas von Aquin und Meister Eckhart intensiv rezipiert. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht Eckharts Verständnis des Seins (esse), das stark von Avicennas Unterscheidung zwischen notwendigem Sein (wāǧib al-wuǧūd) und kontingentem Seienden geprägt ist. Eckharts These „esse est Deus“ (Das Sein ist Gott) zeigt eine konsequente Identifikation des absoluten Seins mit Gott selbst. Diese Position steht in enger Beziehung zu Avicennas Lehre, dass alles Seiende das Sein als Vollkommenheit begehrt und dass das Sein selbst als reine Güte zu verstehen ist. Besondere Bedeutung erhält Eckharts Auslegung des Gottesnamens „Ich bin, der ich bin“ (Ex 3,14), die er im Lichte der avicennischen Ontologie interpretiert. Dabei übernimmt und transformiert er zentrale Begriffe wie Sein, Wesenheit und notwendiges Sein, um eine spekulative Theologie zu entwickeln, in der Gott als reines, absolutes und sich selbst begründendes Sein verstanden wird. Abschließend zeigt die Arbeit, dass es sich bei der Rezeption Avicennas durch Eckhart nicht um eine Übernahme islamischer Theologie handelt, sondern um eine philosophische Aneignung metaphysischer Konzepte. Diese Rezeption verdeutlicht den maßgeblichen Einfluss der islamischen Philosophie auf die Entwicklung der mittelalterlichen europäischen Metaphysik.

Comparative, Transregional, and Digital Humanities

Algorithmische Neudefinition der iranischen Identität; Eine Zukunftsforschung der künstlichen Intelligenz in der iranischen Kommunikationskultur

Seiten 269-301

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.592954.1077

Tahereh Jahanparvar, Mohammad Mehdi Jahanparvar

Abstrakt Die Konvergenz von KI und IoT definiert kulturelle Normen und kollektive Identität neu. Im Iran gewinnt dieser Wandel durch die uralte Zivilisation, das reiche Erbe iranisch-islamischer Werte und die kollektivistische Sozialstruktur besondere Tiefe. Die zentrale Frage lautet: Wie verändern intelligente Algorithmen und vernetzte Objekte die kommunikativen Normen und die Identität der Iraner? Diese Studie untersucht diese Prozesse und entwirft plausible Zukunftsszenarien für 2041. Mit einem qualitativen Ansatz der Zukunftsforschung führten wir ein Environmental Scanning durch, um kulturelle Verzerrungen in den Algorithmen der drei großen iranischen Plattformen Snapp, Divar und Rubika zu extrahieren und zu analysieren. Zusätzlich wurden Interviews mit 30 Nutzern geführt, um ihre Strategien im Umgang mit algorithmischen Vorgaben zu verstehen. Mittels Kausalschichtenanalyse und der Matrix kritischer Unsicherheiten entwickelten wir drei Szenarien: (1) „Stille Assimilation" – algorithmische Neudefinition von Normen ohne gesellschaftlichen Widerstand; (2) „Indigene Resilienz" – Entwicklung von Algorithmen im Einklang mit iranisch-islamischer Ethik und lokalen Prioritäten; und (3) „Schizoide Ambivalenz" – gleichzeitige Existenz in widersprüchlichen Wertesystemen, die zu einer tiefen Identitätskrise führt. Aktuelle Anzeichen deuten auf das dritte Szenario. Algorithmen sind nicht neutral; sie wirken als nicht-menschliche kulturelle Akteure an der Neudefinition von Identitäten mit. Iranische Nutzer sind nicht passiv; sie setzen auf Umgehung, versteckten Widerstand, kreative Neuinterpretation und selektive Ablehnung. Die Verbreitung des „ambivalenten Akteurs" (40 % der Stichprobe) ist ein ernstes Warnsignal. Die Ergebnisse unterstreichen den Übergang von inhaltszentrierter zu intelligenter algorithmischer Regierungsführung. Wir schlagen strategische Investitionen in indigene ethische KI und die Förderung kritischer algorithmischer Kompetenz als zentrale politische Maßnahmen vor.

Pfadabhängigkeitstheorie und die iranische Bodenreform von 1962: Wie ursprüngliche Ziele die gegenwärtige Situation prägten

Seiten 303-329

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.535645.1037

Hamid Shamsodin, Jahangir Karami, Mehdi Mehdi

Abstrakt Als das Pahlavi-Regime 1962 sein Bodenreformprogramm als Kernstück der Weißen Revolution startete, versprach die offizielle Erzählung eine tiefgreifende Transformation der iranischen Gesellschaft: gerechte Landverteilung, soziale Gerechtigkeit, höhere landwirtschaftliche Produktivität und bessere Lebensbedingungen für die ländliche Bevölkerung. Jahrzehnte später zeichnet die Realität ein anderes Bild. Dieser Artikel fragt, wie und warum die Reformen so weit von ihrem ursprünglichen Kurs abdrifteten und warum sie sich heute so resistent gegenüber Veränderungen zeigen. Mit der Pfadabhängigkeit als analytischem Rahmenwerk stützt sich die Studie auf Archivmaterialien, Regierungsberichte und wissenschaftliche Literatur, um die Mechanismen nachzuzeichnen, die die Agrarpolitik auf eine Bahn drängten, von der sie nur schwer abweichen konnte. Die Befunde zeigen, dass die Reformen trotz der entwicklungsorientierten Rhetorik nie vollständig wie beabsichtigt umgesetzt wurden. Von Anfang an prägten politische Kalküle den Prozess, und im Laufe der Zeit verstärkten steigende Öleinnahmen, fehlgeleitete Politiken und die wachsende Macht von Interessengruppen, die am Status quo hingen, den einmal eingeschlagenen Pfad. Die Revolution von 1979, der Krieg mit dem Irak und anhaltende Wirtschaftssanktionen vertieften die Blockade zusätzlich und machten jede grundlegende Agrarreform zunehmend teurer und politisch undurchführbar. Was als transformative politische Entscheidung begann – geprägt von den Geopolitik des Kalten Krieges ebenso wie von innenpolitischen Ambitionen – verhärtete sich allmählich zu einem institutionellen Korsett. Die Ergebnisse haben wenig Ähnlichkeit mit der ursprünglichen Entwicklungsperspektive. Indem der Artikel diesen Prozess beleuchtet, trägt er zum Verständnis der politischen Ökonomie von Reformen in rohstoffabhängigen Staaten bei und bietet einen Rahmen, der auf die Analyse anderer institutioneller Entwicklungen im modernen Iran übertragen werden kann.

Iranian and Persianate History

Postsociale genealogien: Persische medizinische Kulturen als frühe epistemische Formationen

Seiten 331-362

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.583069.1065

Masoud Salmani Bidgoli, Ameneh Sedighian Bidgoli

Abstrakt Karin Knorr Cetina entwickelte das Konzept der „postsozialen Beziehungen“, um die zunehmende Bedeutung epistemischer Objekte für die Organisation von Wissen, Expertise und sozialer Interaktion in spätmodernen wissenschaftlichen und technologischen Kontexten zu erklären. Während dieser theoretische Ansatz bislang vor allem auf gegenwärtige Entwicklungen angewandt wurde, bleibt seine historische Reichweite weitgehend unerforscht. Der vorliegende Beitrag untersucht, ob die persische Medizin des mittelalterlichen Islam als historisch spezifische Form objektzentrierter epistemischer Beziehungen verstanden werden kann, die analytisch mit den von der Postsocial-Theorie beschriebenen relationalen Dynamiken vergleichbar ist. Im Fokus stehen die persische Medizin zwischen dem 9. und 15. Jahrhundert sowie Handschriften, Krankenhäuser, pharmazeutische Substanzen, medizinische Instrumente und pädagogische Praktiken als materielle Bestandteile einer epistemischen Kultur. Methodisch basiert die Studie auf einer historisch-konzeptionellen Analyse im Rahmen der Science and Technology Studies (STS) und nutzt Forschungsergebnisse zur islamischen Medizin und materiellen Wissenskultur. Die Untersuchung zeigt, dass diese materiellen Entitäten als dynamische und offene Zentren epistemischer Auseinandersetzung fungierten und Lernprozesse, klinische Praxis sowie wissenschaftliche Gemeinschaften strukturierten. Dabei weisen sie wesentliche strukturelle Gemeinsamkeiten mit den von Knorr Cetina beschriebenen Eigenschaften epistemischer Objekte auf. Der Beitrag argumentiert jedoch nicht, dass die mittelalterliche persische Medizin eine postssoziale Gesellschaft im strengen historischen Sinne darstellte, sondern dass sie eigenständige Formen objektzentrierter epistemischer Relationen hervorbrachte. Dadurch erweitert die Studie den zeitlichen und geografischen Horizont der Postsocial-Theorie und leistet einen Beitrag zur Globalisierung der STS sowie zur Neubewertung außereuropäischer Wissenskulturen als Quellen theoretischer Weiterentwicklung.

Algorithmus und Text: Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz in den Geisteswissenschaften mit besonderem Schwerpunkt auf deutschem Recht und imamitischer Rechtswissenschaft

Seiten 363-383

https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.553511.1041

Seyyed Mohammad Heidary Khormizi

Abstrakt Das Auftreten Künstlicher Intelligenz als semi-autonomer Akteur stellt die klassischen Paradigmen der Wissensproduktion in den Geisteswissenschaften in Frage. Diese Studie untersucht, wie die rechtlichen und ethischen Komponenten der Verantwortlichkeit für durch KI mitproduzierte Werke innerhalb der Rahmenbedingungen der imamitischen Rechtswissenschaft und des deutschen Rechtssystems neu definiert werden. Die Forschung folgt einem vergleichend-analytischen Ansatz und einer qualitativen Methodologie. Die Daten wurden durch die Analyse maßgeblicher rechtswissenschaftlicher Quellen, kodifizierter deutscher Gesetze sowie wissenschaftlicher Fachartikel erhoben und mittels induktiver Argumentation ausgewertet. Die Ergebnisse zeigen, dass der Übergang von einem rein instrumentellen Paradigma hin zu einem Ansatz, der der KI eine relative Akteursqualität zuschreibt, drei strukturelle Krisen verschärft hat: die Zurechnungskrise (Unklarheit hinsichtlich Urheberschaft und Eigentum), die Originalitätskrise (Erosion menschlicher Kreativität und wissenschaftlicher Glaubwürdigkeit) sowie die Verantwortlichkeitskrise (Konflikte bei der Bestimmung der finalen Haftung). Die Studie schlägt das Modell der proportionalen Verantwortung als interdisziplinäre Lösung vor, das die Verantwortung zwischen Forschenden, Entwicklern und akademischen Institutionen verteilt. Durch die Integration grundlegender Prinzipien der imamitischen Rechtswissenschaft (la darar, daman, tasbib) mit zentralen Doktrinen des deutschen Zivilrechts (insbesondere § 280 BGB sowie Grundsätze der Produzentenhaftung) wird ein kohärenter Rahmen geschaffen, der darauf abzielt, die wissenschaftliche Integrität der geisteswissenschaftlichen Forschung im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz zu wahren.