Der politische Körper unter dem Skalpell: Eine kritische Bewertung medizinisch-politischer Metaphern im politischen Diskurs Irans
Seiten 9-41
https://doi.org/10.22034/spektrum.2026.574837.1062
Mohsen Karami
Abstrakt Politische Metaphern sind weit mehr als rhetorische Stilmittel; sie fungieren als kognitive Instrumente, die Wahrnehmung strukturieren, Urteilsbildung prägen und kollektives Handeln orientieren. Medizinisch-politische Metaphern nehmen dabei eine herausragende Stellung ein, da sie auf kulturell autorisierte Konzepte wie Gesundheit, Krankheit, Diagnose und Therapie zurückgreifen, um politische Wirklichkeiten zu deuten. Der Beitrag untersucht aus philosophischer Perspektive die erkenntnistheoretischen, ethischen und gesellschaftlich-politischen Implikationen dieser Metaphern. Unter Rückgriff auf die Theorie der konzeptuellen Metapher, die Kritische Diskursanalyse, die Diskursethik und Theorien epistemischer Ungerechtigkeit wird gezeigt, dass medizinisierte politische Sprache politische Verständigungsprozesse anhand biologisch abgeleiteter Deutungsschemata neu organisiert. Die Untersuchung rekonstruiert die konzeptuelle Architektur von fünf wiederkehrenden medizinisch-politischen Metaphern und zeigt, wie politische Akteure, Institutionen und Konflikte auf medizinische Kategorien wie Pathologie, Infektion, chirurgischen Eingriff und Krebs abgebildet werden. Diese Übertragungen vereinfachen komplexe politische Phänomene, erzeugen Kategorienfehler, verschleiern Handlungsmacht und strukturelle Kausalität, verengen den Interpretationshorizont, begünstigen affektive Abkürzungen und übertragen die Autorität wissenschaftlichen Wissens unzulässig auf Bereiche normativer Kontroversen und politischer Kontingenz. Darüber hinaus können sie Entmenschlichung fördern, wechselseitige Anerkennung untergraben, epistemische Ungerechtigkeit begünstigen, exkludierende Praktiken legitimieren und antagonistische Identitäten sowie außergewöhnliche Formen des Regierens normalisieren. Der Beitrag kommt zu dem Ergebnis, dass medizinisch-politische Metaphern keine neutralen Instrumente politischer Kommunikation sind. Indem sie politische Meinungsverschiedenheiten als pathologische Erscheinungen konstruieren, verändern sie die epistemischen und moralischen Bedingungen demokratischer Urteilsbildung, öffentlicher Deliberation und politischen Pluralismus. Eine kritische Analyse dieser Metaphern ist daher unverzichtbar, um das Verhältnis von Sprache, Macht und demokratischem Leben zu verstehen.


